Dieser Artikel stützt sich auf einen unmittelbaren Einblick in die traditionelle handwerkliche Mosaikpraxis, den ich vor 2001 in der Werkstatt Heinrich Jungebloedt durch die renommierte Künstlerin Elisabeth Jeske († 2002) erhielt. Frau Jeske, die letzte Leiterin der traditionsreichen Werkstatt und Expertin in Materialkunde und Verlegetechniken, vermittelte ein umfassendes Verständnis der klassischen Kunst des Mosaiks. Nachdem wir im ersten Teil "Mosaikkunst: Geschichte, Materialien und Gestaltungsprinzipien" ↗ die Grundlagen der Mosaikkunst, die verschiedenen Materialien und Werkzeuge sowie die klassischen Gestaltungsprinzipien kennengelernt haben, widmet sich dieser Teil dem praktischen Arbeitsprozess.
Vorbereitung: Vom Entwurf zur Baustelle
Materialplanung
In Antike und Mittelalter musste das Glas für die Mosaiksteine meist aus dem Fernhandel bezogen werden. Monatelange Transporte waren also einzuplanen, bevor lokale Glashütten anfangen konnten aus dem Rohglas die Kuchen für die Smalti herzustellen. Die Berechnung des Materialbedarfs musste also bereits in einer frühen Bauphase des Gebäudes erfolgen, um ohne Verzögerung fertig zu wrden.
Das Motiv anpassen
Die Motive musste sich niemand neu ausdenken. Es waren immer wieder dieselben Bilder: ein
thronender Christus hier, eine Muttergottes da, mal ein Herrscherporträt und mal eine Anbetung
der Hirten. Die Künstler kannten ihre Motive aus den Fresken und Buchmalereien ihrer Zeit. Manche
hatten auch ihre eigenen Skizzenbücher, aus denen sie schöpfen konnten.
Der Entwurf für eine neue Baustelle bedeutete vor allem, die traditionelle Darstellung an die
Dimension der Wandfläche anzupassen.
entweder: ein herantastendes Vormalen

Nachdem die Gerüste aufgebaut waren, konnte das Motiv zunächst direkt auf das Mauerwerk in groben
Konturen aufgemalt werden. Um eine freie Sicht zu gewährleisten, mussten die Gerüste dann wieder
abgebaut werden. So konnte der Stifter oder Auftraggeber aus der Bodenperspektive die spätere
Wirkung beurteilen:
Verlaufen die Symmetrieachsen des Bildprogramms in einer Linie
mit den Symmetrien des Gebäudes?
Bewirkt die Krümmung der Gewölbe oder die perspektivische Sicht
eine Verzerrung der Figuren, die ausgeglichen werden muss?
Verschwinden wichtige Details in einer
Zone mit schlechter Beleuchtung?
Solche Fragen gilt es vorab zu klären und in der
nächsten Zeichnung, die auf den ersten Grobputz aufgetragen wird, zu berücksichtigen.
oder: die fertige Vorzeichnung an die Wand übertragen
Seit dem 14. Jahrhundert in Italien verfügten die Mosaizisten über einen
Karton, also einer Entwurfszeichnung des Bildkünstlers,
die verkleinert oder in Originalgröße vorliegt. Anhand von Modellen plante man die spätere
Fernwirkung und Perspektive. Das ersparte das wiederholte Aufmalen der Motive auf die
Putzschichten und den oftmaligen Auf- und Abbau der Gerüste.
Der Entwurf wird als Orientierung auf die
oberste Putzschicht übertragen. Manche Werkstätten bevorzugen dabei eine sehr detaillierte
Vormalerei mit allen Farben, andere arbeiten recht freihändig in Konturen.
Anschließend wird, ausgehend von den Konturlinien, der
Tagesabschnitt mit dem Intonaco (der Setzschicht) verputzt. Man spricht von einem
Tagewerk (giornata), aber je nach Klima und Mischung kann der Kalkmörtel auch über mehrere Tage frisch
genug bleiben, um noch Mosaiksteine zu setzen. Die Grenzen eines Abschnittes werden in der Praxis
eher von der Erreichbarkeit von einer Gerüstlage bestimmt.
Liegen innerhalb dieses Abschnitts Binnenkonturen, so werden sie mit einem Holzstäbchen in den
frischen
Putz eingeritzt, um als Setzhilfe zu dienen.
Historische Mörtel und Untergrundvorbereitung
Bodenmosaik: Die Lastaufnahme durch den massiven Unterbau (Pavimentum)
Die hohe Belastbarkeit eines Bodens erfordert einen massiven Unterbau. Überliefert ist eine dicke Schicht aus Schotter oder Keramikbruch als Grundlage (Statumen), darüber eine Lage aus Kalkmörtel mit grobem Schutt (Rudus), die die eigentliche, plan gezogene Bodenschicht aus Kalkmörtel und Ziegelmehl (Nucleus) trägt. Wenn dieser Bodenaufbau abgebunden ist, wird eine letzte Lage von 3-5 mm dickem Kalkmörtel aufgebracht, in die die Mosaiksteinchen einzeln hineingedrückt werden. Fertig gesetzte Bodenmosaiken aus marmornen Steinchen werden mit Bimsstein abgeschliffen, und erhalten so eine ebenmäßige Lauffläche.Wandauftrag: Aufbau des Untergrunds für dauerhafte Mosaike
Materialien wie Glas und Goldtesserae erfordern stabileren, feiner modellierbaren Untergrund. Das Mauerwerk wird gereinigt und angefeuchtet, und gegebenenfalls mit Lehmschlick oder Kalkmilch vorbereitet.Die erste Trägerschicht (Arriccio Grosso) besteht aus grobem Kalkmörtel (etwa 1 Teil Kalk, 2 Teile Sand, 1 Teil Ziegelsplitt) mit Korngrößen bis zu 2-5 mm. Zur Haftung können gehackte Strohfasern oder Tierhaare beigemengt werden. Der Mörtel wird in einer Schichtdicke von 10-15 mm aufgetragen. Wenn das nicht ausreicht, um Kanten des Mauerwerks zu sanften Rundungen zu modellieren, wie man es für Mosaike braucht, dann setzt man mehrere Schichten übereinander.
Die zweite Trägerschicht (Arriccio Fine) enthält feinen Kalkmörtel mit Ziegelmehl (Cocciopesto) in einer Körnung bis 2mm. Das feine Ziegelmehl reagiert mit dem Kalk und Wasser. Diese Reaktion verleiht dem Putz hydraulische Eigenschaften: er wird besonders dicht und wasserabweisend. Die Schicht wird 5-10 mm dick aufgetragen und an der Oberfläche leicht aufgeraut, um Haftung zur nächsten Schicht zu sichern.
Darüber liegt die Einbettungsschicht (Intonaco). Eine traditionelle Intonaco-Rezeptur besteht typischerweise aus einem Teil (oder bis 1,5 Teilen) Sand, und einem Teil Kalk. Wenn Ziegelmehl oder Marmormehl verwendet wurde, ersetzt dies den Sandanteil. Manchmal mit geringem Zusatz von Gips, um schnelleres Anziehen zu ermöglichen. (Achtung: Gips beschleunigt die Abbindung extrem und kann die Zeit der notwendigen Plastizität empfindlich verkürzen. Der Zusatz von Gips sollte daher nur sehr dosiert für kleine, zeitkritische Partien angewandt werden).
Die Körnung ist unter 1 mm und die Schichtdicke 3-5 mm. In diese letzte Schicht wurden die Tesserae direkt eingedrückt, solange der Mörtel plastisch war. Der entscheidende Punkt ist die standfeste Konsistenz des Intonaco: Ist er zu nass, sinken die Tesserae ab; ist er zu trocken, haften sie nicht mehr. Daher wurde in kleinen Abschnitten („a giornata“) gearbeitet, genau wie beim Fresko. So konnten die Tesserae in frischen, feuchten Kalkmörtel gesetzt werden, der beim Abbinden eine unlösbare Verbindung herstellte.
Präzisionsarbeit: Spaltung, Formgebung und Sortierung der Materialien
Würfel herstellen

Die Qualität eines Mosaiks entsteht bereits bei der Vorbereitung der Materialien. Die Stangen oder Platten aus Naturstein und Smalti werden zunächst sorgfältig nach Farben sortiert. Das Spalten erfolgt auf dem Tagliolo, einem Amboss mit scharfer Stahlkante, mit Hilfe der Martellina, eines beidseitig geschliffenen Hammers. Das Werkstück wird so auf das Tagliolo gelegt, dass die gewünschte Bruchlinie genau unter der Schlagkante liegt. Der Hammer fällt mit seinem Eigengewicht, ein kräftiger Schlag ist nicht nötig und würde nur riskieren, die Werkzeugkanten zu beschädigen. Die Arbeit erfordert ein ruhiges Auge und geübte Hand. Bei Naturstein müssen die kristalline Struktur und die natürliche Spaltrichtung beachtet werden, um kontrollierte, saubere Brüche zu erzielen. Smalti hingegen spalten sich aufgrund ihrer glasigen Beschaffenheit leichter und mit spröderem Klang. Ein geübter Handwerker fertigt pro Minute etwa 20 Tesserae an, ungefähr 10.000 pro Arbeitstag. Durch diese Technik entstehen die klassischen, würfelförmigen Tesserae ebenso wie bewusst unregelmäßige Formen, die für lebendige Oberflächen oder besondere Lichteffekte eingesetzt werden.
Das Tagliolo: Der Amboss
Das Tagliolo ist der Amboss des Mosaizisten. Es besitzt eine scharfe Eisenkante, die fest in einem Holzklotz verankert ist. Der Amboss besteht aus zähem, etwas weicherem Eisen, damit er die Stoßenergie der Schläge aufnehmen kann, ohne zu splittern.In vielen Werkstätten wird kein spezielles Tagliolo geschmiedet, sondern ein gewöhnlicher Meißel mit breiter Schneide zweckentfremdet. Er wird mit der Schneide nach oben in einen Block aus Beton eingegossen und so fixiert, dass nur die Arbeitskante frei bleibt.
Die Martellina: Der Mosaikhammer
Die Martellina ist ein schwerer, beidseitig geschliffener Hammer mit kurzem Griff. Sie wird auf dem Tagliolo geführt und ist das zentrale Werkzeug beim Spalten der Tesserae. Für das Spalten von Smalti bestand die Klinge früher aus gehärtetem Kohlenstoffstahl. Durch das Härten entsteht eine extrem scharfe, jedoch spröde Schneide, die das glasige Material präzise trennt. Diese Kanten mussten regelmäßig nachgeschliffen werden. Beim Spalten von Marmor und Naturstein bewährte sich dagegen eine zähere, weniger spröde Klinge. Sie konnte die Stoßkräfte des Steins aufnehmen, ohne auszubrechen. Hier wurde der Stahl bewusst weniger stark gehärtet.Seit den 1920er Jahren kommen Hartmetallklingen aus Wolframcarbid für Glas und Werkzeugstahllegierungen für Stein auf. Letztere enthalten Zusätze wie Chrom, Molybdän, Vanadium und Wolfram, die die Härte und Verschleißfestigkeit deutlich erhöhen.
Die Legearbeit: Stein für Stein zum fertigen Bild
In der Antike und im Mittelalter arbeiteten Mosaizisten ausschließlich nach der direkten Methode: Die Tesserae wurden unmittelbar in den frischen Kalkmörtel gesetzt, solange dieser noch plastisch war. Diese Technik erlaubte es, die Neigung jedes einzelnen Steinchens präzise zu kontrollieren und so den charakteristischen Lichtglanz der Mosaike zu erzeugen.
Tagewerk abschätzen
Die gesamte Wandfläche ist bereits vollständig im Arriccio Fine verputzt und abgetrocknet.
Nun schätzt der leitende Meister die Fläche der anstehenden Tageswerke für die Arbeiter ab. Nur
in diesem Bereich wird mit dem Spachtel eine dünne Schicht des Intonaco-Putzes aufgetragen.
Die Konturen und Hilfslinien des Motivs werden durch Ritzungen auf dem feuchten Intonaco
markiert, und dann erfolgt das Setzen der Tesserae.
Man kann eine versehentlich zu groß bemessene Tagesfläche nicht einfach
wieder abschlagen, wenn der Intonaco abgebunden hat. Dabei würde man das darunter
liegende Arriccio beschädigen.
Erfahrene Mosaizisten kalkulierten ihre Tagesabschnitte daher eher zu klein als zu groß. Die giornata muss so bemessen sein, dass sie sicher bis zum Ende der Arbeitszeit vollständig mit Tesserae gefüllt werden konnte. War die Fläche früher fertig, blieb Zeit für andere notwendige Arbeiten: Werkzeuge reinigen, Tesserae nachspalten und sortieren, Material vom Boden nach oben transportieren, Gerüste für den nächsten Abschnitt umbauen oder die bereits fertigen Flächen von Mörtelspritzern säubern. Auf einer Baustelle gab es immer genug zu tun: eine zu kleine giornata war kein verlorener Tag.
Der Aufstieg auf die Leiter: Werkzeug und Materialbereitstellung
Bevor der Mosaizist auf das Gerüst stieg, war eine sorgfältige Prüfung seiner Ausrüstung unerlässlich, da der nachträgliche Transport von Werkzeugen in der Höhe zeitraubend und umständlich war. Neben der persönlichen Schutzkleidung (Schürze, Handschuhe) musste er sicherstellen, dass die Handwerkzeuge für den direkten Einsatz am Intonaco bereitlagen: Ein kleines Lineal oder ein Holzklötzchen zum Ausrichten und Glätten der bereits gesetzten Steine, einen Zirkel für perfekte Rundungen (z.B. Heiligenscheine), ein Holzstäbchen oder eine Ahle, um Konturen in den frischen Putz einzuritzen. Auch mehrere Lappen oder ein Schwamm und Wasser zur Reinigung des Putzes und der Hände waren wichtig. Um überflüssigen frischen Putz zu entfernen, musste man an einen weiteren leeren Eimer und Maurerkellen denken. Ebenso wichtig waren Proviant und Trinkwasser für den langen Arbeitstag in der Höhe. War die Arbeit nach einer Vorlage (Karton) geplant, musste der Ausschnitt der Vorzeichnung für die aktuelle giornata gut sichtbar am Gerüst befestigt sein, um Details und Farbübergänge schnell prüfen zu können. Da Mosaizisten oft bis in die späten Abendstunden arbeiteten oder in schlecht beleuchteten Gewölben, waren zudem Öllampen oder Laternen sowie Nachfüllbrennstoff ein fester Bestandteil der Ausrüstung.
Die Tesserae selbst wurden in größeren Mengen in Eimern oder Kübeln mit einem Seilzug oder von Gehilfen über die Gerüstlagen nach oben gebracht und in unmittelbarer Nähe des Arbeitsbereichs deponiert. Für die direkte Handauffüllung und die laufende Setzarbeit hielt der Mosaizist die jeweils benötigten, vorsortierten Farbmischungen in kleineren Leinensäcken oder Beuteln griffbereit an seinem Arbeitsplatz. Dies ermöglichte eine schnelle, handselektierte Auswahl des nächsten Steins.
Wo fange ich an?
Große Kuppel- oder Wandflächen wurden systematisch von oben nach unten in Arbeitsbereiche aufgeteilt. Jeder Bereich musste von einer Gerüstplattform aus erreichbar sein, auf der mehrere Mosaizisten nebeneinander arbeiten konnten, jeder in seinem zugewiesenen Abschnitt. Ein geübter Mosaizist schafft bei einem Bild ohne spezielle Herausforderungen etwa einen halben Quadratmeter am Tag.
Die Arbeitsreihenfolge innerhalb eines solchen Tagesabschnitts folgte festen Regeln: Zuerst wurden die Umrisse von Personen und Gegenständen angelegt, dann wurden die besonders anspruchsvollen Fleischteile (Inkarnat) wie Gesichter, Hände und Füße ausgearbeitet. Die Hintergrundflächen bildeten den Abschluss.
Selbst innerhalb eines Gesichts folgte die Arbeit einer klaren Reihenfolge: Zuerst wurden die Linien der Augenbrauen, die Umrisse der Augen, die Nasenkontur und die Mittellinie des Mundes als Orientierung gesetzt. Für Gesichter nutzte man erheblich kleinere Steinchen: An der Hagia Sophia wechselt das Maß von 5×6 mm für gewöhnliche Flächen auf nur 1×2 mm für das Inkarnat. Diese Präzisionsarbeit war zeitaufwändig und stellt die Frage: Ließ sich das überhaupt auf einem Gerüst stehend bewältigen? Wahrscheinlicher ist, dass die anspruchsvollen Gesichtspartien in der Werkstatt vorgearbeitet und mittels der indirekten Methode in die Wandfläche eingesetzt wurden.
zuerst für einen Grundstil entscheiden
Am Anfang steht die Entscheidung für den Grundstil, also für eines der opus-Systeme ↗. Diese Wahl bestimmt das Andamento, die rhythmische Führung der Mosaiksteinreihen, die entscheidend für Dynamik und malerische Wirkung ist. Der Mosaizist trifft diese Entscheidung für jeden größeren Bildabschnitt. Innerhalb dieser Zone bleibt das gewählte System verbindlich, damit die Fläche in sich ruhig und geschlossen wirkt. Erst beim Übergang zu einer neuen Zone kann der Stil wechseln -etwa vom ruhigen opus tessellatum im Hintergrund zum lebendigeren opus vermiculatum in den Figurenpartien.einen einzelnen Stein setzen

schief sitzende Steine
Bei glänzenden Smalten und Goldgläsern ist die absichtliche Neigung der Tesserae ein künstlerisches Mittel. Der Mosaizist drückt die Goldtesserae in variierenden Winkeln bis zu 45 Grad zum Betrachter hin. Durch diese gezielte Neigung wird das Licht, das von den Fenstern oder Beleuchtungskörpern einfällt, wie von unzähligen kleinen Spiegeln in unterschiedliche Richtungen reflektiert. Je nach Standpunkt des Betrachters und dem Lichteinfallswinkel blitzt immer nur ein Teil der Goldsteine auf, während andere im Schatten liegen. Das Ergebnis ist eine dynamische, strahlende Oberfläche, die dem Mosaik den Eindruck eines „flüssigen Lichts“ oder einer *„himmlischen Sphäre“ verleiht.
Konturen bestimmen Arbeitsabschnitte
Die Arbeit beginnt mit dem Setzen der Kontursteine. Diese Linien können als klare graphische Trennung in einer Kontrastfarbe ausgeführt sein, etwa als schwarze Linie zwischen zwei ähnlichen Farbtönen. Oder sie markieren lediglich den Übergang zwischen verschiedenfarbigen Zonen. Je nach Situation wird entweder direkt auf der Linie oder an ihren beiden Seiten gearbeitet.versetzt anlegen
Beim Anlegen eines Mosaiks deckt ein Stein der aktuellen Reihe stets die Fuge aus der vorigen Reihe ab. Das bedeutet, wir vermeiden es nach Möglichkeit, dass eine neue Fuge direkt in einer bereits bestehenden Fuge weiterläuft. (Außer im opus regulatum.) Wie bei den Ziegelsteinen einer stabilen Mauer werden die kleinen Mosaikwürfel immer versetzt zueinander gesetzt. Der Grund dafür ist optischer Natur: Eine lange, durchgehende Fugenlinie springt dem Betrachter sofort ins Blickfeld und lenkt unnötige Aufmerksamkeit auf sich. Durch das Versetzen der Steine brechen wir diese Linienführung auf. Das Ergebnis ist ein harmonischeres und ruhigeres Gesamtbild.Reihen aufspalten (Sdoppiamento)
Man legt nicht ganz mechanisch eine Reihe an die andere. Da organische und natürliche Formen sich ständig verengen und verbreitern, muss der Mosaizist flexibel auf diese Formen reagieren. Man sorgt dafür, dass sich die Reihen je nach Form des Motivs teilen oder zusammenlaufen: Wenn sich eine Fläche verbreitert, wird hinter einen etwas größeren Stein eine neue Reihe eingefügt, indem zwei kleinere Steine übereinander gesetzt werden. Und schon laufen zwei Reihen nebeneinander weiter. Auf diese Weise kann die Bewegung der Steine der natürlichen Form des Bildes folgen, ohne dass unschöne Brüche entstehen.Wie man passende Steine auswählt
Sind die Steine vorbereitet und sortiert, beginnt die eigentliche Legearbeit. Jetzt entscheidet die Auswahl jedes einzelnen Stücks über Rhythmus, Fugenbild und Ausdruck. Jede Bildzone hat ihr eigenes Formatgefüge. Große Tesserae von 10 bis 20 mm werden für weitläufige Flächen oder Hintergründe verwendet, wo weniger Detailtiefe erforderlich ist. Kleine Formate von 1 bis 4 mm dienen feinen Partien wie Gesichtern und Händen (dem sogenannten Inkarnat) oder Ornamentdetails. So entsteht der Eindruck, als würde mit unterschiedlich breiten Pinseln gemalt.Die per Hand gespaltenen, würfelförmigen Steine sind immer leicht unregelmäßig, und gerade darin liegt ihr Vorteil. Jeder lässt sich auf sechs Flächen drehen; für jede Linie findet sich die passende Form. Beschreibt die Kontur eine Rundung, fügen sich trapezförmige Stücke (so wie der Schlusstein eines gemauerten Bogens) besser ein als rechtwinklige.
auf die Fugen achten
Für den modernen Betrachter ist entscheidend, dass die Fugenbreite gleichmäßig bleibt. Die Fugenbreite ist das Maß, an dem sich die Qualität der Setzarbeit zeigt.Die historische Praxis wich davon jedoch ab: Beim Setzen der Steine innerhalb einer Reihe (Andamento) wurden die Tesserae oft so dicht aneinander gesetzt, dass sie sich berühren und kaum eine Fuge sichtbar ist. Die eigentlichen Fugen zeigen sich primär zwischen den Reihen, um deren Linienführung zu unterstreichen. Nur dort, wo das Muster schnelle Richtungswechsel oder spitze Winkel erfordert, an kritischen Übergängen und engen Kurven, ließ der Mosaizist größere Mörtelflächen frei. Diese breiteren Zwischenräume dienten dazu, die Dynamik der Form zu betonen und das Lichtspiel des Mosaiks zu optimieren.
welche Farbe wählt man?
Die Farbe jedes Steinchens ergibt sich aus der vorbereiteten Mischung. Ist eine Fläche nicht einfarbig, wurde ihr Materialbedarf vorab aus mehreren Tönen zusammengestellt. Beim Setzen greift man dann aus diesem Vorrat, ohne jeden Stein einzeln auf seine Nuance zu prüfen.das malerische Empfinden
Farbverläufe entstehen nicht Stein für Stein, sondern Linie für Linie. Innerhalb einer Legezeile bleibt die Farbe weitgehend konstant, und der Übergang erfolgt mit dem nächsten Linienzug. So bildet die Linienstruktur selbst die Abstufung von Licht und Schatten. Der Mosaizist denkt in Farbflächen, ähnlich wie ein digitales Bildprogramm eine Darstellung in Farbfelder zerlegt. Nur, dass hier jedes Feld von Hand gesetzt wird.Ebenheit und Konsolidierung: Die Ausrichtung vor dem Abbinden
Nachdem die Fläche des Tagwerks komplett mosaiziert ist, folgt ein kritischer Arbeitsschritt, bevor der Mörtel endgültig abbindet: die Konsolidierung der Oberfläche. Hierbei wird mit einem Holzklötzchen (Setzbrett) oder einer Setzlatte die Mosaikfläche leicht angedrückt.
Das Ziel ist nicht, eine perfekte, flache Ebene zu schaffen, da dies dem Lichtspiel (insbesondere bei Gold und Smalten) abträglich wäre. Vielmehr geht es darum, große Höhenunterschiede zwischen einzelnen Steinen zu eliminieren, die durch unterschiedliche Steindicken oder zu starkes Eindrücken entstehen. Das Anpressen sorgt dafür, dass die Würfelchen alle fest und gleichmäßig im Putz verankert werden und sich die Mörtelmasse zwischen den Fugen optimal um die Seiten der Steine legt.
Die Nahtstelle vorbereiten: Abkratzen des Intonaco
Das Tagewerk muss mit einer sauberen, scharfen Kante abgeschlossen werden, denn der noch immer frische Intonaco-Mörtel muss dort enden, wo das letzte Mosaikteil sitzt. Der Mosaizist nutzt dafür eine Kelle, einen Spachtel oder ein scharfes Messer, um den überschüssigen, über die letzte Steinreihe hinausragenden Putz vorsichtig abzunehmen.
Würde der Putz über Nacht abbinden, gäbe es am nächsten Tag keine Möglichkeit, den neuen, Mörtel eben und nahtlos anzusetzen. Die Nahtstelle (das $commesso$) zwischen den Tagewerken würde sichtbar werden.
Reinigung und die Funktion des Intonaco als Fugenmasse
Als Abschluss des Tagwerks erfolgt die Reinigung. Dabei werden vorsichtig alle Mörtelspritzer, die auf die Oberfläche der Steine geraten sind, entfernt.
Eine separate Verfugung der Mosaikfläche, wie sie bei modernen Fliesenarbeiten üblich ist, ist nicht notwendig. Der Intonaco selbst übernimmt diese Funktion: Da der Mörtel beim Setzen der Steine durch den Druck leicht in die Zwischenräume quillt und die Steinchen dicht ummantelt, stellt er die abschließende, wasserfeste Fugenmasse dar. Sobald dieser Putz vollständig abgebunden und ausgehärtet ist, ist das Mosaik witterungsbeständig versiegelt.
Der prüfende Blick aus der Distanz
Während der Arbeit kontrolliert der Mosaizist regelmäßig die Lesbarkeit des Motivs aus der Entfernung. Die Gelegenheit bietet sich bei jeder anstehenden Arbeitspause, oder wann immer man nach unten steigen muss, um neues Material zu holen.Da die Konturen bereits festliegen, betrifft die Prüfung vor allem die Farbwirkung. Subtile Tonabstufungen, die aus der Nähe plastisch wirken, können aus größerer Distanz verschwimmen oder sich völlig auflösen. Erst mit Abstand zeigt sich, ob Licht, Farbe und Richtung der Fugen gemeinsam das beabsichtigte Bild ergeben.
Irren ist menschlich, Korrigieren ist Kunst
Fehlerkorrektur vor dem Abbinden des Mörtels
Solange der Setzmörtel noch frisch und plastisch ist, also innerhalb der Arbeitszeit des
Tagewerks ist eine Korrektur möglich, erfordert aber schnelles Handeln.
Muss ein falsch sitzender Stein ausgewechselt werden, wird er vorsichtig mit der Spitze eines
Messers herausgehebelt. Da der
Mörtel die Position hält, kann der Mosaizist die leichte Vertiefung nicht einfach mit dem
umgebenden Mörtel zuspachteln. Idealerweise lässt sich die Bindekraft nur wiederherstellen,
indem man eine kleine Menge frischen Intonaco nachfüllt. Das kann bedeuten, die Mischung noch
einmal frisch anzusetzen.
Anschließend kann der korrigierte Stein an der Stelle nachgesetzt und ausgerichtet
werden. Größere Fehlerstellen, die mehr als nur einen einzelnen Stein betreffen, erfordern unter
Umständen das vorsichtige Entfernen und Neuverputzen eines ganzen Abschnitts.
Fehlerbehandlung nach dem Abbinden
Ist der Setzmörtel nach mehreren Tagen vollständig ausgehärtet, ist eine Korrektur ohne größere Zerstörung nicht mehr möglich. Das Mosaik ist nun ein festes, monolithisches Gebilde. Das Entfernen eines falsch gesetzten Einzelsteins durch Zertrümmern und Ausstemmen zieht zwangsläufig das umliegende, steinharte Mörtelbett mit sich. Dabei besteht die Gefahr, dass nicht nur die oberste setzmörtelschicht, sondern auch tiefer liegende Putzschichten in Mitleidenschaft gezogen werden.
Wegen eines einzelnen, falsch sitzenden Steinchens wäre der Aufwand, eine ganze Bildpartie auszustemmen und von Grund auf neu aufzubauen, völlig überzogen. Solche kleinen Mängel wurden schlicht als unvermeidbarer Teil des Handwerks akzeptiert, ein stillschweigendes Bekenntnis zur menschlichen Fehlbarkeit, da die absolute Perfektion allein dem Schöpfer vorbehalten ist.
Anders verhält es sich jedoch bei einem inhaltlichen Fehler, etwa wenn sich der Mosaizist bei einer Inschrift oder einer zentralen ikonografischen Kontur verschrieben hat: Hier ist eine Korrektur, trotz des immensen Aufwands, unumgänglich.
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Amboss (Tagliolo)
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Wo siehst Du die größten Kompromisse bei der Ästhetik oder Haltbarkeit?
Und: Welchen Mosaik-Grundsatz gibst Du einem Anfänger als wichtigsten Tipp mit, um sein Werk zu veredeln?
- Borsook, Eve (2001). "Medieval Mosaics"
- James, Liz (2017). "Mosaics in the Medieval World"
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