Illustration zum Thema: Urin als historischer Rohstoff: Ammoniak, Handwerk & Geschichte

Urin als historischer Rohstoff

👤︎ Fabian Peise • 📅︎ 20.10.2026 • ⏱ 5 Minuten Lesezeit

Vor dem Aufkommen der industriellen chemischen Produktion war Urin eine unverzichtbare Quelle für Ammoniak und andere stickstoffhaltige Stoffe. Doch kaum ein anderer Rohstoff war dermaßen anrüchig: Die historischen Quellen decken oft einen Mantel des Schweigens über die Tatsache, dass das feine Tuch oder das geschmeidige Leder im Kübel mit Jauche gelegen hatte. Dabei war der vergorene Harn über Jahrhunderte hinweg ein verschwiegener Betriebsstoff in vielen Werkstätten.

Beschaffung und Handel

Berühmt geworden ist der Ausspruch des römischen Kaisers Vespasian (9–79 n.u.Z.): Pecunia non olet -Geld stinkt nicht. Er war zwar nicht der Erste, der die begehrte Flüssigkeit in öffentlichen Latrinen und in den Amphoren der stillen Nebenstraßen auffangen ließ, ging aber als Erster in die Geschichte ein, der eine Steuer darauf erhob.

Die handwerkliche Verwendung ist auch für das europäische Mittelalter und die Frühe Neuzeit durchgehend belegt. Doch wie deckten größere Manufakturen ihren Bedarf? Ob Sammler systematisch von Haus zu Haus zogen, um die Nachttöpfe der Stadtbevölkerung, oder doch zumindest von einzelnen Wirtshäusern zu leeren? Die konkreten Beschaffungswege sind nicht für alle Regionen und Gewerbe gleichermaßen dokumentiert.

Dass es bei starker wirtschaftlicher Nachfrage zu großräumigen Transporten kam, zeigt eine Untersuchung zum englischen Textilgewerbe: In der Region um Yorkshire nahm die Tuchproduktion in der Zeit von Königin Elisabeth I. (1533-1603) industrielle Ausmaße an, und der notwendige Urin wurde in Fässern über weite Strecken heran transportiert. Und König Karl I von England (1600- 1649) ordnete an, dass Familien den Urin ihres Haushalts täglich an die Salpetersammler aushändigen mussten.

Vom Nachttopf zur Lauge: Wie Urin nutzbar wurde

Wer proteinreiche Kost verzehrt, nimmt mehr Stickstoff auf, als der Körper im Gewebe binden kann. Die Leber formt diesen Überschuss in Harnstoff um, den der Mensch ausscheidet. Harnstoff ist quasi die Transportverpackung für den Stickstoff, den der Körper nicht mehr braucht und loswerden muss.

Frischer Urin ist leicht sauer bis neutral. Für das Handwerk war er in diesem Zustand weitgehend nutzlos. Erst die Zersetzung des enthaltenen Harnstoffs machte den Urin nutzbar.

Das Reifen des Urins erforderte offene oder halboffene Holzbehälter auf gut belüfteten Höfen. Eine Überdachung war nötig, da Regenwasser die Konzentration verwässert hätte. Bakterien aus der Luft spalten den Harnstoff unter Wasseraufnahme in Kohlendioxid und Ammoniak auf. Die Lösung wird stark alkalisch (der pH-Wert steigt auf ca. 9 bis 9,5). Dieser abgestandene, vergorene Urin war neben Holzaschen-Lauge ↗ die am einfachsten zugängliche scharfe Lauge der Vormoderne. Wegen der unangenehmen Ammoniak-Ausgasung wurden Färbereien, Gerbereien und Salpeterhütten per Stadtrecht meist an den Rand der Stadt verlegt.

Qualitätskontrolle im Urinhandel

Der Stickstoffgehalt fluktuiert bei einem Naturprodukt stark, abhängig von Ernährung und Wasseraufnahme. Für die Abnehmer war also Wachsamkeit geboten: Sie brauchten möglichst konzentriertes Urin, denn das Eindampfen kostet Zeit und Energie. Außerdem streckten viele Lieferanten ihre Abgabe mit Wasser, um mehr Geld zu erhalten. Diesem Schwindel verdanken wir die Erfindung des Hydrometers: Der schottische Erfinder William Twaddle (1792- 1839) entwickelte ein spezielles Messgerät, mit dem die Glasgower Fabrikanten von Schießpulver die Dichte und somit den Verdünnungsgrad des angelieferten Urins zuverlässig bestimmen konnten.

Anwendungsgebiete

Wollwäsche

Rohwolle enthält beträchtliche Mengen Wollfett (Lanolin). Bei der historischen Wollwäsche ↗wirkte die alkalische Ammoniaklösung als Reinigungsmittel: Sie unterstützte die Emulgierung der Fette, sodass die Wolle ohne aggressive Hitze gereinigt und entfettet werden konnte.

Tuchwalke

Beim Walken von Wollstoffen, wie Loden oder Tuch, diente vergorener Urin als Walkmittel. Er lockerte die Wollfasern leicht an und unterstützte das gezielte Verfilzen unter mechanischem Druck, ohne die Faser zu zerstören.

Küpenfärberei

Farbstoffe wie Waid oder Indigo sind nicht wasserlöslich. Um sie auf die Faser zu bringen, müssen sie biochemisch reduziert werden (Umwandlung in die lösliche Leukoform). Bei der historischen Küpenfärberei ↗ diente in der Urinküpe der Urin als Grundlage des Reduktionsprozesses, während das Ammoniak das nötige alkalische Milieu schuf.

Rotgerberei

In der Lederherstellung kam Urin vor allem in der Vorbereitung (dem Äschern und Beizen) zum Einsatz. Die Lauge ließ die tierischen Häute aufquellen, lockerte hartnäckige Haarreste und spülte kalkhaltige Rückstände aus vorherigen Arbeitsschritten aus. So wurde das Leder geschmeidig und optimal auf die spätere Aufnahme der Pflanzengerbstoffe vorbereitet.

Salpeter und Schwarzpulver

Über die Oxidation des Ammoniaks durch Bodenbakterien entstand Salpeter, der als unverzichtbarer Sauerstofflieferant die Grundlage für die historische Produktion von Schwarzpulver bildete.

Zunderherstellung

Durch das Tränken in verrottetem Urin nahm der Zunderpilz die stickstoffreichen Verbindungen auf, die nach dem Trocknen als Salpeter die Entflammbarkeit und das Glimmverhalten beim Feuerschlagen verbesserten, wegen dem Sauerstoff, der im Nitrat gebunden ist.

Härten von Stahl

In der historischen Schmiedekunst wurden glühende Klingen gelegentlich in abgestandenen Urin abgeschreckt. Entgegen einer weitverbreiteten Legende drang dabei jedoch kaum Stickstoff zur Gefügehärtung in das Metall ein. Dafür ist die Kontaktzeit beim Abschrecken viel zu kurz. Der reale Effekt beruhte auf den im Urin gelösten Salzen: Sie verhinderten die Bildung eines isolierenden Dampfpolsters (Leidenfrost-Effekt) an der glühenden Oberfläche. Die dadurch schlagartige Abkühlung führte zu einer deutlich höheren Härte des Stahlkörpers als ein einfaches Wasserbad.

Metallreinigung vor dem Verlöten

Das im verrotteten Urin freigesetzte Ammoniak diente als starkes Lösungsmittel, um Metalloberflächen (vor allem Kupfer, Messing oder Eisen) von hartnäckigen Oxidschichten zu befreien, damit das geschmolzene Lot gleichmäßig floss und sich dauerhaft mit dem Metall verband.

Herstellung von „Spiritus Urinae“

Frühe Pharmazeuten und Alchemisten destillierten vergorenen Urin in Retorten, um hochkonzentriertes Ammoniakwasser zu gewinnen. Dieser „Harngeist“ wurde als kräftiges Riechsalz bei Ohnmacht eingesetzt.

Fleckentfernung

Wäscherinnen nutzten ammoniakhaltigen Harn im Haushalt als universelles und kraftvolles Hausmittel, um altes Fett, Schweißränder und hartnäckige organische Verschmutzungen aus Geweben oder Teppichen zu lösen. Als Waschmittel diente eine Mischung aus Urin, Seifenkraut, Pottasche und Tonerde.

Ammoniakräuchern

In einer geschlossenen Kammer ausgesetztes Eichenholz reagiert intensiv mit Ammoniakdämpfen, wobei die natürlichen Tannine des Holzes einen tiefen, kühlen Dunkelton annehmen. Dieses als Ammoniakräuchern ↗ bekannte historische Verfahren verleiht dem Holz eine edle Patina und erhöht gleichzeitig seine Widerstandsfähigkeit gegen Schädlinge.

Zähneputzen

Die Verwendung als Mundwasser und vermischt mit Bimsstein als Zahnputzmittel ist aus der Antike bekannt. Der Ammoniak wirkt aufhellend und reinigend.

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Quellen

  • Austenfeld, M. (2014). "Useful waste: a history of the industrial application of urine" In: The Journal of Urology.
  • Seebaß, Christian Ludwig (1805). "Magazin aller neuen Erfindungen, Entdeckungen und Verbesserungen für Fabrikanten, Manufakturisten, Künstler, Handwerker und Oekonomen ..." In: Magazin aller neuen Erfindungen, Entdeckungen und Verbesserungen für Fabrikanten, Manufakturisten, Künstler, Handwerker und Oekonomen ..., Band 4, Stück 1, S. 46.
  • (2018). "Lant: The Forgotten Resource" In: Material Matters, University of Delaware. Link zur Quelle
  • Woolley, Hannah (1719). "The Compleat Servant-Maid"