Dass mein Vater als Stadtkind nach dem Krieg die Ferien auf dem Land verbrachte, war sein Glück: dort gab es nicht nur Lebensmittel, sondern er konnte bei einem Bekannten, dem 'Onkel', auch die Kunst der Tabak-Veredelung beobachten. Wie ich bereits im Beitrag über den Anbau ↗ beschrieben habe, wuchs der Tabak damals in fast jedem Hausgarten. Doch die Ernte war nur der erste Schritt. Die eigentliche Herausforderung war die Weiterverarbeitung im Haus. Ohne das Wissen um Fermentierung und den richtigen Schnitt blieb das Kraut ungenießbar. Der Onkel nutzte dafür spezielle Handwerkzeuge und oft mangels Alternativen sogar Zeitungspapier zum Drehen. Dass diese Hobby-Produktion damals funktionierte, lag auch an der Fachliteratur für Selbstversorger: Der Tabak-Kleinanbau von Paul König, 1946. König, ein international anerkannter Tabakforscher, erklärte darin detailliert, wie man die rohen Blätter fachgerecht aufbereitet. Der folgende Abschnitt aus seinem Werk beschreibt die notwendigen Schritte der Verarbeitung.
Einfädeln
Zum Einfädeln braucht man eine Tabaknadel und Tabakgarn. Eine echte Tabaknadel ist etwa 27 cm lang, einen halben Zentimeter breit und im Querschnitt flach rechteckig, nicht rund. Eine gewöhnliche Packnadel tut es ebenfalls. Das Tabakgarn muss fest und kräftig sein: Zwirnfaden ist zu dünn, Baumwollgarn und dünne Papierschnur tragen das Gewicht der wasserreichen Blätter auf Dauer nicht. Am besten eignet sich Hanfgarn, Jute oder Kunststoff. Die Stärke entspricht etwa der Schnur zum Zubinden von Dauerwürsten.
Vorbereitung der Schnüre
Die Schnüre werden vor dem Einfädeln auf die passende Länge geschnitten. Der Abstand zwischen den Aufhängebalken sollte 100–120 cm betragen. Bei größerem Abstand senkt sich die gesamte Ware zu stark zur Mitte durch. Bei 100 cm Hangweite schneidet man die Schnur auf etwa 110 cm, um an beiden Enden Schlaufen zum Aufhängen zu knüpfen. Vor dem Einfädeln wird nur an einem Ende eine Schlinge gemacht; das andere Ende wird an der Öse der Nadel befestigt. Nach dem Einfädeln erhält auch dieses Ende eine Schlaufe.
Einfädeltechnik

Nach dem Einfädeln
Die fertig bestückte Schnur wird in der Mitte zusammengefaltet, mit den Blattrippen nach außen. Man legt sie auf saubere Säcke oder Bretter. Nicht mehr als drei bestückte Schnüre dürfen übereinandergestapelt werden. Das Aufhängen soll noch am selben Tag oder spätestens am nächsten Morgen erfolgen.
Was beim Trocknen geschieht

Rauchtabak (schnelle Trocknung): offener Schuppen wie beschrieben
Zigarrentabak (langsame Trocknung): allseitig geschlossene Räume wie Dachböden, mit stets ausreichender Durchlüftung
Kautabak: während der Trocknung gleichzeitig räuchern
Aufhängen der eingefädelten Blätter

Trocknungseinrichtung

Schimmel und Dachfäule
Schimmel entsteht bei Regenwetter oder ungenügender Durchlüftung, besonders an Blättern mit starken Rippen oder unreifen Blättern. Maßnahme: befallene Blätter aus dem Gehänge nehmen, Schimmel mit einer weichen Bürste entfernen, an besonders luftiger Stelle wieder aufhängen. Auch bereits weitgehend getrocknete Blätter können noch befallen werden. Das ist jedoch nicht gefährlich, wenn man den Belag sofort beseitigt. Bei richtiger Fermentation werden Schimmelsporen weitgehend abgetötet und auch ein schwacher Schimmelgeruch verschwindet vollständig. Dachfäule ist ernster: befallene Blätter sofort aussondern und verbrennen, damit sich die ansteckende Fäule nicht weiter ausbreitet.
Dachreife
Die Dachreife ist nach etwa 4 bis 6 Wochen erreicht. Dann sind sowohl die Blattflächen als auch die Blattrippen vollständig trocken. Die Rippen müssen zusammengeschrumpft und hart sein. Rippen die noch fleischig wirken oder beim Drücken noch Saft enthalten (sogenannte Speckrippen) sind ein sicheres Zeichen, dass der Tabak noch nicht fertig getrocknet ist. Blätter mit Speckrippen sind für die Fermentation noch nicht geeignet. Richtig getrockneter Tabak lässt sich mit der Hand leicht zusammenballen und geht von selbst wieder auseinander. Ist der Tabak zu spröde geworden, muss man feuchte Witterung abwarten. Bei Regen oder Nebel zieht er genügend Feuchtigkeit an, um diese Eigenschaft zu erlangen. Nur in diesem mäßig feuchten Zustand darf abgehängt und fermentiert werden. Bei sehr hohen Außentemperaturen kann es vorkommen, dass der Tabak grün bleibt: das Chlorophyll wurde nicht abgebaut. In diesem Fall lässt man den Tabak noch einige Zeit hängen, damit er nachts Feuchtigkeit aufnehmen und tagsüber wieder abgeben kann. Er nimmt dann allmählich eine braune Farbe an. Ist die Jahreszeit zu weit fortgeschritten, kann auch grün gebliebener, aber trockener Tabak abgehängt werden. Er muss dann bei der Fermentation eine höhere Temperatur von 50–60 °C erhalten, wodurch das Chlorophyll abgebaut und in den erwünschten braunen Farbstoff umgewandelt wird.
Was ist Fermentation?
Bei der Fermentation (auch: Tabakvergärung) vollziehen sich unter Mitwirkung von Bakterien und Pilzen chemische Umwandlungen, die den Tabak zur Selbsterwärmung bringen. Gut fermentierter Tabak riecht wie Bratäpfel oder frisch gebackenes Brot. Unfermentierter Tabak brennt schlecht und ist unbekömmlich. Bei Erreichen der Temperaturgrenze von etwa 50 °C wird die Fermentation unterbrochen und der Stapel umgesetzt. Außenschichten kommen nach innen, Innenschichten nach außen. Nach zweimaligem Umsetzen erwärmt sich der Stapel nicht mehr, die umwandelbaren Stoffe sind verbraucht. Das Umsetzen dient außerdem der Gleichmäßigkeit: Die äußeren Schichten eines Stapels erwärmen sich nur schwach und sind kaum fermentiert, die inneren dagegen stark. Für die Fermentation muss der Tabak dicht gestapelt werden. Bei kleineren Mengen muss der Prozess durch eine äußere Wärmequelle angestoßen werden.
Wann fermentieren?
So rasch wie möglich nach der Trocknung. Jeder Tag zwischen Trocknung und Fermentation bedeutet Qualitätsverlust. Vor dem Fermentieren prüft man alle Blätter auf Speckrippen: diese dürfen nicht mehr vorhanden sein. Einzelne übertrocknete Blätter wickelt man über Nacht in feuchte Säcke und deckt sie ebenfalls mit feuchten Säcken ab.
Fermentation großer Mengen

Fermentation kleiner Mengen
Solche Mengen erreicht der Tabakanbauer im Eigenbedarf nicht. Sein Problem ist, dass die Wärme schneller aus dem kleinen Blätterhaufen entweicht als sie entsteht, eine Selbsterwärmung findet nicht statt. Außerdem trocknet der Tabak zu schnell aus. Beides verhindert die Fermentation. Die Lösung: Die Tabakpackung wird mit Isolierschichten umhüllt, durch Pressen und Beschweren verdichtet, und von außen erwärmt. Man kleidet eine geräumige Holzkiste an Boden und Wänden mit Stroh oder Holzwolle aus, baut den Tabak fest ein und beschwert den Deckel mit Steinen oder Ziegelsteinen. Traditionelle Methoden nutzten einen vergärenden Haufen Stroh, Grasschnitt oder Herbstlaub. Darin vergrub man eine Kiste seines Tabaks. Heute bieten sich elektrische Heizungen an, oder ein Standort der Kiste direkt an der Zentralheizung. Die gleichmäßige Außenwärme genügt, um den Fermentationsprozess einzuleiten und zu unterhalten. Die Fermentation ist beendet, wenn der Tabak keine Eigenwärme mehr erzeugt.
Fermentieren winziger Mengen
Variante 1 – Glas mit Wärmequelle
Den getrockneten Tabak auf die gewünschte Breite schneiden, leicht anfeuchten mit zweiprozentiger Zuckerlösung oder Süßwein, dann fest in ein luftdicht verschließbares Glas pressen. Das verschlossene Glas zwei Tage bei 60 °C aufstellen. Danach den Tabak umschichten und das Glas weitere zwei Tage bei 50–60 °C in der Ofenröhre stehen lassen.
Variante 2 – Ofenrohr
Ein mit Tabak gefülltes Gefäß mehrere Tage an ein nicht zu heißes Ofenrohr binden. Alle zwei Tage den Tabak herausnehmen, durchlüften, bei Bedarf leicht besprühen, wieder einpressen und erneut befestigen. Gesamtdauer: 6 Tage.
Variante 3 – Rollen
Aus dem angefeuchteten, ungeschnittenen Tabak Rollen in Zigarrenstärke formen und wie in Variante 1 oder 2 behandeln. Beim Verbrauch schneidet man mit einem scharfen Messer den jeweils benötigten Bedarf ab.
Variante 4 – Körperwärme
Die einfachste Methode überhaupt: dünne Tabakrollen in undurchlässigen Stoff einwickeln und ein bis zwei Wochen täglich in der Hosentasche tragen. Nachts legt man die Rolle in den Strohsack. Keine Wärmequelle, keine Hilfsmittel – nur Geduld.
Das Beizen
Das Beizen war bis um 1850 die übliche Methode zur Tabakveredelung. Zu einer Zeit, als man von
der Fermentation noch wenig verstand. Heute gilt es beim Rauchtabak als überholt: ein gut
fermentierter Tabak braucht keine künstliche Nachbehandlung. Für den Selbstversorger kommt das
Beizen daher nur als Notmaßnahme in Frage. Um eine Ernte zu retten, die sonst unbrauchbar wäre:
grün geernteter Tabak, Tabak der auf der Zunge beißt, schlecht brennt oder anderweitig missraten
ist.
Die nachfolgende Rezeptur entspricht einem historischen Verfahren zur Tabakbehandlung und
spiegelt den Wissensstand der 1940er Jahre wider. Aus heutiger Sicht ist bei derartigen Zusätzen
Vorsicht geboten. Salze wie Kalisalpeter können beim Verbrennen zur Bildung von Stickstoffoxiden
beitragen und die Entstehung bestimmter krebserregender Verbindungen im Tabakrauch begünstigen.
Konservierungsstoffe wie Natriumbenzoat können sich unter starker Hitze ebenfalls zersetzen und
weitere problematische Stoffe bilden.
Die folgende Beize ist daher ausschließlich als historisches Beispiel zu verstehen. Eine Anwendung
ist aus heutiger Sicht nicht zu empfehlen.
- Grundlösung:
-
- 1 Liter Wasser
- 0,5 Liter Weinessig
- 0,5 Liter dunkler französischer Rotwein
- 125 g Honig
- 250 g Zucker
- 20 g Kalisalpeter
- 30 g benzoesaures Natron
- Absud:
-
- 1 Liter Wasser
- 60 g gedörrte Pflaumen oder Zwetschgen
- 125 g Rosinen oder Korinthen
- einige Lorbeerblätter
- 10 g Wacholderbeeren
- Fenchel oder Anis
- 1
- Absud separat kochen, 1 Stunde. Dann durch Leinentuch seihen und auf 1 Liter auffüllen
- 2
- Absud nach dem Erkalten mit der Grundlösung vermischen
- 3
- Je 5 Tabakblätter zusammenbinden und 4 Stunden in die kalte Beizlösung tauchen.
- 4
- Abtropfen lassen, in ein leinenes Tuch einschlagen, pressen und einen Tag lang an einem warmen Ort unter Druck stehen lassen.
- 5
- Sobald der Tabak nicht mehr nass ist, weiterverarbeiten.
- 6
- Alternativ genügt auch ein einfaches Besprühen des bereits geschnittenen Tabaks mit der Beizlösung.
- 7
- Kochsalz wird in alten Rezepten oft empfohlen: Es schützt zwar vor Schimmel, verhindert aber den guten Brand. Salz sollte man also besser weglassen.
Tabak schneiden
Man verarbeite stets nur so viel Tabak wie man für einen halben bis ganzen Monat
benötigt: Ganze Blätter halten sich besser als das fertige Schnittgut.
Vor dem Schneiden muss der Tabak angefeuchtet werden: Blätter in ein feuchtes Tuch einschlagen bis Rippen und Blattfläche biegsam sind. Der Tabak muss sich knäueln lassen ohne zu bröckeln.
Im Tabakhandwerk werden unterschiedliche Schnittarten unterschieden. Die Bezeichnungen beschreiben vor allem die relative Breite der Streifen; feste, allgemeinverbindliche Millimetergrenzen existieren jedoch nicht. Üblich ist folgende Einteilung:
Grobschnitt: deutlich breite Streifen, über 3,5 mm
Mittelschnitt: mittlere Streifenbreite, 2,25–3,5 mm
Krüllschnitt: feine, schmale Streifen, 1,75–2,25 mm
Feinschnitt: sehr feine, faserartige Streifen, unter 1,75 mm
Die Übergänge sind fließend und können je nach Betrieb oder Tradition leicht variieren. Für Grob- und Mittelschnitt kann die Hauptrippe im Blatt verbleiben. Für Krüll- und Feinschnitt müssen die Rippen
entfernt werden. Entweder herausschneiden oder abreißen: Blatt mit der Oberseite nach oben legen, rechte Blatthälfte von der Spitze zum Blattgrund hin von der Rippe abreißen, dann Blatt wenden und die zweite Hälfte ebenso. Die einfachste Schneidemethode: angefeuchtete, entrippte Blätter zu einer Rolle formen, auf ein Hartholzbrett legen und mit scharfem Messer in der gewünschten Breite abschneiden. Als Schneidegerät eignen sich auch eine Nudelschneidemaschine oder ein Fotoschneidegerät. Wer die fünf Teilernten getrennt getrocknet hat, kann jede Qualität separat schneiden und dann nach Geschmack mischen.
Rösten
Den frisch geschnittenen, noch feuchten Tabak auf einer mäßig heißen sauberen Eisenplatte oder in einer Emailschüssel über kochendem Wasser unter ständigem Wenden leicht rösten bis er gerade noch feucht ist. Dann auf Papier erkalten lassen und in die Vorratsdose füllen. Das Rösten verteilt die Feuchtigkeit gleichmäßig und erhöht die Haltbarkeit.
Soßieren
Wer nicht gebeizt hat, kann den fertigen Tabak vor dem Rösten leicht soßieren: Mit einem
Zerstäuber besprühen, so dass er feucht aber nicht nass wird. Mögliche Flüssigkeiten sind
Zuckerwasser oder Honigwasser, Johannisbeer- oder Stachelbeerwein.
Bei beißendem Tabak: Essig, zur Hälfte mit Zuckerwasser verdünnt (der Essiggeruch verfliegt)
Bei schlecht brennendem Tabak: 2 g Kalisalpeter auf 100 ml Flüssigkeit
Wer Wert auf Aroma legt: getrockneter und fein geschnittener Waldmeister, Rosenblütenblätter oder Lavendelblüten können dem fertigen Tabak beigemischt werden.
Den soßierten Tabak in einen Steinkrug oder ein Einmachglas pressen, mit einem Stein beschweren und 8 Tage in Herdnähe stehen lassen. Danach auf unbedrucktem Papier ausbreiten bis die überschüssige Feuchtigkeit verdunstet ist, dann noch leicht feucht in die Vorratsdose füllen.
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Fachliteratur & Quellen
Chr. Rätsch: Schamanenpflanze Tabak
Bronco Schubert: Tabak: Vom Eigenanbau zur Verarbeitung
- König, Paul (1946). "Tabak-Kleinanbau. Anleitung für den Anbau, das Ernten, Trocknen, Fermentieren, Beizen und das Verarbeiten von selbsterzeugtem Tabak zum Eigenverbrauch" In: Hannover.
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