
Wozu kardieren?

Kardieren vs. Kämmen
In all den Jahrtausenden vor der Erfindung des Kardierens wurde Rohwolle entweder gekämmt oder direkt aus der Flocke gesponnen. Die Wolle des Schafes besteht aber je nach Züchtung aus einer Mischung von langen, groben Oberhaaren und kurzen, feinen Unterhaaren. Das Kämmen verlangte explizit nach langen Faserstapeln; die Kurzfasern (Kämmlinge) sortierte man zwangsläufig aus. Sie galten als minderwertiges Nebenprodukt, das allenfalls für grobe Filze oder als Füllmaterial verwendet werden konnte. Ein beträchtlicher Teil der Schafschur floss somit nicht in die Garnproduktion ein.
Das Aufkommen der Drahtkarden verdoppelte nahezu das Potenzial eines Schafs und machte den Rohstoff Wolle schlagartig wirtschaftlicher.
Streichgarn
[Photo Kammgarn: Adnan Icagic © University Museum of Bergen · Detail, cropped from Fig. 4b (BRM 1/2055/1) - CC BY SA;
Photo Streichgarn: © Statens Historiska Museer - CC BY; ]

Die ungeordnete, lufteinschließende Faserstruktur des kardierten Streichgarns dagegen verfilzte beim Walkprozess zu einem dicht geschlossenen, wetterfesten und winddichten Loden.
Vorbereitung
Welche Wolle sich eignet
Idealerweise wählt man zum Kardieren eine Wollsorte, die sich durch eher kurze oder mittlere Stapellängen (bis 10 cm) auszeichnet. Man hat zu diesem Zweck die Schafe sogar zweimal im Jahr geschoren, im Frühling und im Herbst. Diese sogenannte zweischürige Wolle ist besonders kurzfaserig. Daraus entsteht ein elastisches, fülliges Garn.
Einschmalzen

Die Menge des Öls wird bei Schussgarnen in Gewichtsverhältnissen von etwa 4 Pfund Wolle auf ein Pfund Olivenöl angegeben, Kettgarn bleibt im Verhältnis 8:1, also trockener. Die Kette soll nicht zu ölig sein, da sie vor dem Weben noch Leim annehmen muss. Dies sind Faustregeln, denn die jeweilige Ölmenge hängt auch von der beabsichtigten Stärke des Garns ab, und ob es gefärbt wurde.
Die gesamte Rohwolle, die für die nächste Verarbeitung bereitsteht, kommt in einen Holztrog und wird dort mit den Fingern leicht mit Öl besprengt. Sobald die halbe Portion Öl aufgebraucht ist, dreht man die Wolle mit einer Holzgabel um. Das restliche Öl wird gut verteilt, und die Wolle abermals gewendet. Nun soll die Wolle nicht allzu lange „im Fett liegen“, wie man sagt. Sie wird sonst klumpig. Man nimmt sich die Wolle portionsweise auf den Schoß und zieht sie mehrmals manuell aus, um sie zum Kardieren fein aufzubereiten. Viele Pflanzenteile sitzen von außen an den Locken, und sind jetzt noch viel leichter auszulesen, als während des Kardierens, weil sie dann bereits in die Fasern untergemischt worden sind. Feste Haarbündel werden von Hand ausgezogen, bevor die Karden zum Einsatz kommen. Je besser die Vorsortierung, desto leichter das Kardieren: Erste Knötchen und Pflanzenteile fallen so schon im Vorfeld heraus.
Die Mechanik des Kardierens
Durch dieses Leder sind hunderte feine Haken gezogen: Unter der Bespannung verbergen sich U-förmig gebogene Drahtklammern, die an der Oberseite mit einem charakteristischen Knick austreten. Der Winkel der Haken erlaubt es, die Faserbüschel im Wechselspiel der beiden Instrumente zu fassen und gegeneinander auszustreichen.
Befüllen
Eine Handkarde wird mit der Flockwolle gleichmäßig befüttert. Wenn man die Haarlocken gegen die Richtung der Haken streicht, bleiben sie dort haften. Das Brett mit den Haken soll auf der gesamten Fläche bedeckt sein. Dazu muss die Wolle reichlich aufgebracht werden. Ist die Handkarde zu gering befüllt, dann leidet die Qualität des Ergebnisses.
Eine zu große Wollmenge lässt sich dagegen leicht erkennen: Die überschüssige Wolle bleibt auf der Handkarde liegen, ohne von den Haken erfasst zu werden.
Ausstreichen

Durch mehrmaliges, gleichmäßiges Streichen lösen sich die Faserknäuel auf und die Wollhaare richten sich schrittweise in eine einheitliche Arbeitsrichtung aus. Dabei ist eine Lederschürze praktisch, denn von einer Stoffschürze könnten sich Fasern lösen, die in die Wolle geraten. Man streicht die Handkarden zunächst fünf- bis sechsmal übereinander.
Hat sich dabei genügend Wolle auf der beweglichen Handkarde gesammelt, überträgt man den festhaftenden Wollrest von der ursprünglichen Befüllung auf die andere Handkarde. Das geht ganz leicht mit einem Streich in die Gegenrichtung. Im nächsten Durchgang arbeitet man zehn Streiche. Dabei achtet man auf eine gleichmäßige Befüllung sowohl in die vertikale wie horizontale Ausdehnung des Kardenbrettes. Und bei den folgenden Wechseln streicht man so oft, wie es nötig ist, um die Fasern gleichmäßig zu verteilen. Insgesamt wiederholt man diese Wechsel viermal. Die Mühe lohnt sich: Gut vorbereitete Wolle lässt sich leichter verspinnen. Auch das Gewebe wird gleichmäßiger, und selbst beim späteren Walken macht sich die sorgfältige Vorbereitung bemerkbar.
Abnehmen des Faserflors

Dieser Faserflor weist spezifische anatomische Merkmale auf, an denen seine Qualität gemessen wird: Der obere Rand (talon) darf nicht zu dick sein, da sich sonst ein unerwünschter Wulst (Storz) bildet. Ein sauberer Abzug verhindert diesen Mangel.
Der untere Rand ist der Bart oder die Seide. Das feine Auslaufen der Fasern trägt zu einem feinen Faden beim Spinnen bei. Um die Seide schön fein zu machen, muss man sehr lang ausziehen. Schließlich achtet man auf die beiden Seiten des Faserflors: Je heller und durchsichtiger sie sind, umso besser lassen sie sich spinnen. Eventuelle Knötchen im Fasermaterial sind durch die offene Lage sofort als Mangel zu erkennen.
Drei Schritte zum feinen Flor
Die gesamte Behandlung aus Befüllen, viermal im Wechsel streichen, und Abnehmen der Faserflore wiederholt man drei Mal. Beginnend mit dem gröbsten Streichinstrument wechselt man schrittweise zum feinsten über. Diese Abstufung schont das Werkzeug: Sobald die grobe Vorarbeit von den stabilen Reißkämmen erledigt wurde, sind die feinen, empfindlicheren Drahthäkchen der nachfolgenden Handkarden vor dem Verbiegen oder Ausreißen geschützt. (Heute erfolgt die Bearbeitung mit einem einzigen Handkardenpaar. Dessen Benadelung ist auf die Feinheit der Wolle abgestimmt, anstatt auf den Arbeitsschritt. Man arbeitet materialschonend, und gewaltsamer Faserbruch wird strikt vermieden. Ein bemerkenswerter Wandel im Umgang mit dem Rohmaterial!)
1. Durchgang: Aufreißen mit Reißkämmen

Die Hakendichte wird heute standardmäßig in TPI (Haken pro Quadratzoll) angegeben. Die historischen Reißkämme wiesen rechnerisch lediglich 32 bis 59 TPI auf. Solche niedrigen Werte sind im modernen Handspinnbedarf zwar selten, aber keineswegs ausgestorben: Sehr grobe Handkarden (etwa 46 TPI, wie sie beispielsweise von Louët angeboten werden) kommen diesen historischen Maßen am nächsten. Zum Vergleich: Heutige Standard-Handkarden, die als Allrounder für mittelfeine Wolle gelten, liegen bei 72 TPI.

Zunächst reißt man die ungeordnete, verfilzte Rohwolle mit den robusten Reißkämmen auf. Bei diesem ersten Durchgang werden die Wollfasern gestreckt und teilweise angerissen, wodurch sie mehr Faserenden freisetzen und spürbar krauser werden. Dies fördert die spätere Bauschigkeit des Fadens: eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass das Tuch beim anschließenden Walken gut verfilzt.
Allzu grobe Gewalt vertragen selbst die relativ stabilen Haken der Reißkämme nicht. Im ersten Durchgang des Kardierens ist aber so viel Kraft nötig, dass ein charakteristisches Reißgeräusch zu hören ist. Die einzelnen Wollhaare weisen natürliche Schwachstellen auf. Solche Abschnitte geringeren Dickenwachstums sind biologisch völlig normal und stellen gewissermaßen Sollbruchstellen dar. Dass diese schwachen Fasern bereits im ersten Gang kontrolliert reißen, kommt der Qualität des Garns zugute: So wird verhindert, dass der Faden später beim Spinnen oder Weben unkontrolliert bricht.
Um die nötige Kraft aufzubringen, erhält der Reißkamm einen speziellen Griff, den man mit beiden Händen fassen kann. Der aktive Reißkamm wird auf diese Weise geführt, während der passive auf einem Bock eingespannt und dadurch arretiert ist.
2. Durchgang: Mischen + Reinigen mit Kratzen
Die Kratzen entsprechen mit ihren Maßen von etwa 20cm x 12cm den heutigen Standard-Handkarden (wie z.B. Modellen von Ashford, Wollschaaarf oder Glimåkra). Sie sind mit feinerem Draht besetzt mit einer Hakendichte von gut 90 TPI, was direkt im Bereich moderner feiner und extrafeiner Handkarden liegt. Mit diesem Werkzeug erzeugte der Kardierer 140 bis 160 Faserflore pro Kilogramm Wolle. Das entspricht einer einzelnen Portion von etwa 6 bis 7 Gramm.
Der Fokus liegt auf dem Durchmischen und Verfeinern. Alle Fremdkörper (Pflanzenteile) und Knötchen sollten aus dem Material entfernt werden.
3. Durchgang: Verfeinern mit Streichen
Die dritte Variante bilden die Streichen, die nur eine unwesentlich höhere Banadelungsdichte, aber dafür deutlich feinere Drahthäkchen aufweisen. Von dieser Werkzeugbezeichnung leitet sich im Übrigen der Begriff des Streichgarns direkt ab. Auch die Streichen entsprechen mit ihren Maßen dem heutigen Standardformat. Ihre Nadeldichte von 104 TPI lässt sich im modernen Sortiment zwischen extrafeinen Woll-Handkarden und speziellen Baumwoll-Handkarden einordnen. Mit diesem Instrument erzeugte der Kardierer schließlich 200 bis 220 Faserflore pro Kilogramm Wolle. Das entspricht hauchfeinen Vliesen von lediglich 4 bis 5 Gramm, die eine optimale Grundlage für das anschließende Verspinnen boten.

Geschichte
Erfindung der Handkarde
Die Erfindung der Handkarde fällt in den Zeitraum vom späten 13. bis zum frühen 14. Jahrhundert. Vielleicht war das mechanische Prinzip der Faserbearbeitung keineswegs neu (womöglich dienten in früherer Zeit mit Schlehendornen bestückte Hölzer als Behelf ), doch erwiesen sich solche organischen Konstruktionen für eine professionelle Tuchproduktion als zu unbeständig und ineffizient.
Der eigentliche Durchbruch der Handkarde war eng an die Verfügbarkeit von Draht gekoppelt. Obwohl Draht bereits seit dem Altertum bekannt war, blieb seine Herstellung lange Zeit kostspielig und zeitaufwendig. Erst der enorme Bedarf an Kettenhemden im Hochmittelalter schuf den Nährboden für eine gewerbliche Drahtzieherei. Als im 14. Jahrhundert schließlich wassergetriebene Drahtmühlen aufkamen, sanken die Produktionskosten drastisch.
Der Name „Karde“

Erfindung der Trommelkarde

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