Illustration zum Thema: Wolle kardieren: Die historische Methode & Anleitung

Wolle kardieren: Historische Anleitung für perfektes Streichgarn

👤︎ Fabian Peise • 📅︎ 06.11.2026 • ⏱ 11 Minuten Lesezeit

Kardierwerkstatt im Jahr 1561
ein Handwerker kardiert Wolle, 1561: Er benutzt eine frei bewegliche Handkarde mit Handgriff und eine feststehende Arbeitsfläche mit Benadelung.
Meine Darstellung stützt sich auf die Anleitungen von Henri-Louis Duhamel du Monceau. Das Werk wurde 1766 von Daniel Gottfried Schreber ins Deutsche übersetzt und mit zahlreichen Überarbeitungen auf die damaligen landestypischen Verhältnisse in Deutschland angepasst. Es ist erstaunlich, wie detailreich die Autoren jeden Schritt dokumentieren: Neben den Maßangaben der Handkarden und den exakten Gewichtsvorgaben für die einzelnen Wollportionen überliefern sie sogar die genaue Anzahl der Streichbewegungen bei jedem Arbeitsgang. Detailgetreuer als jede Werkstattmitschrift es leisten könnte, blicken wir durch den historischen Text einem Handwerker direkt über die Schulter, über 250 Jahre Entfernung hinweg.

Wozu kardieren?

gewaschene Rohwolle ist oft verklebt
Gewaschene und getrocknete Wolle: Das Wollfett ist entfernt, doch die Fasern sind noch verklebt und enthalten Pflanzenreste.
Nachdem die geschorene Wolle in verschiedene Qualitäten sortiert ↗und gewaschen ↗ wurde, soll das Durcheinander von Fasern nun spinnbar werden. Beim Kardieren (synonym: Krempeln) werden die festen Wollbüschel auseinandergezogen, Knoten und verbliebene Pflanzenteile ausgetragen und filzige Bereiche aufgelöst. Zwar könnte ein geübter Spinner auch aus den ungeordneten Wollflocken ein Garn produzieren. Man nennt das dann auch „aus der Flocke spinnen“. Aber das gelingt selten gleichmäßig. Eine qualitätvolle Arbeit steht und fällt mit der soliden Vorbereitung.

Kardieren vs. Kämmen

In all den Jahrtausenden vor der Erfindung des Kardierens wurde Rohwolle entweder gekämmt oder direkt aus der Flocke gesponnen. Die Wolle des Schafes besteht aber je nach Züchtung aus einer Mischung von langen, groben Oberhaaren und kurzen, feinen Unterhaaren. Das Kämmen verlangte explizit nach langen Faserstapeln; die Kurzfasern (Kämmlinge) sortierte man zwangsläufig aus. Sie galten als minderwertiges Nebenprodukt, das allenfalls für grobe Filze oder als Füllmaterial verwendet werden konnte. Ein beträchtlicher Teil der Schafschur floss somit nicht in die Garnproduktion ein.

Das Aufkommen der Drahtkarden verdoppelte nahezu das Potenzial eines Schafs und machte den Rohstoff Wolle schlagartig wirtschaftlicher.

Streichgarn

Kammgarn Streichgarn
gewebte Fläche mit Kammgarn (die einzelnen Fäden zeichnen sich deutlich ab) und mit Streichgarn (es bildet sich ein Flaum)
[Photo Kammgarn: Adnan Icagic © University Museum of Bergen · Detail, cropped from Fig. 4b (BRM 1/2055/1) - CC BY SA;
Photo Streichgarn: © Statens Historiska Museer - CC BY; ]
Auf die Etablierung der Handkarde folgte unmittelbar eine zweite fundamentale Innovation: das Streichgarn. Streichwolle ist der ideale Allrounder, wenn die Wolle später zum Stricken, Häkeln, Nadelbinden ↗oder für das Weben ↗von gewalktem Tuch verwendet werden soll. Ein derart weiches, voluminöses Fasergebilde war bis dahin unbekannt. Das neue Material verhielt sich auch beim anschließenden Walken völlig anders als das gewohnte Kammgarn.

Schuppenstruktur der Wolle
Die Schuppenstruktur eines Wollhaares ermöglicht die Verfilzung.
Die Ursache liegt in der Mechanik des Verfilzens, die primär über die Schuppenstruktur der Wollfaser funktioniert: Da die Fasern beim Kammgarn streng parallel liegen, fehlen die kreuzweisen Ansatzpunkte für ein tiefgreifendes Verhakten in der Walke. Ein solches Gewebe schrumpft zwar, bleibt aber strukturell erkennbar und vergleichsweise offen.

Die ungeordnete, lufteinschließende Faserstruktur des kardierten Streichgarns dagegen verfilzte beim Walkprozess zu einem dicht geschlossenen, wetterfesten und winddichten Loden.

Vorbereitung

Welche Wolle sich eignet

Idealerweise wählt man zum Kardieren eine Wollsorte, die sich durch eher kurze oder mittlere Stapellängen (bis 10 cm) auszeichnet. Man hat zu diesem Zweck die Schafe sogar zweimal im Jahr geschoren, im Frühling und im Herbst. Diese sogenannte zweischürige Wolle ist besonders kurzfaserig. Daraus entsteht ein elastisches, fülliges Garn.

Einschmalzen

Wolle und Öl
Rohwolle einschmalzen: Auf vier Gewichtsteile Wolle kommt ein Gewichtsteil Öl. Das klingt nach einer enormen Ölmenge, aber man unterschätzt dabei leicht das Volumen der Wolle. Hier stehen 400g Wolle 100g Öl gegenüber.
Nachdem man sich eigene Handkarden gekauft oder selbst gebaut hat ↗, liegt der nächste Schritt im Einschmalzen der Wolle. Darunter versteht man eine leichte Benetzung mit Öl, welches die Bearbeitung mit den Werkzeugen geschmeidiger und schonender macht. Olivenöl ist die beste Wahl; je nach Verfügbarkeit kann man zu anderen Ölen greifen. Jedoch niemals sollte man es mit Leinöl versuchen: dies ist ein trocknendes Öl, es verklebt die Fasern dauerhaft und lässt sich nicht mehr herauswaschen.

Die Menge des Öls wird bei Schussgarnen in Gewichtsverhältnissen von etwa 4 Pfund Wolle auf ein Pfund Olivenöl angegeben, Kettgarn bleibt im Verhältnis 8:1, also trockener. Die Kette soll nicht zu ölig sein, da sie vor dem Weben noch Leim annehmen muss. Dies sind Faustregeln, denn die jeweilige Ölmenge hängt auch von der beabsichtigten Stärke des Garns ab, und ob es gefärbt wurde.

Die gesamte Rohwolle, die für die nächste Verarbeitung bereitsteht, kommt in einen Holztrog und wird dort mit den Fingern leicht mit Öl besprengt. Sobald die halbe Portion Öl aufgebraucht ist, dreht man die Wolle mit einer Holzgabel um. Das restliche Öl wird gut verteilt, und die Wolle abermals gewendet. Nun soll die Wolle nicht allzu lange „im Fett liegen“, wie man sagt. Sie wird sonst klumpig. Man nimmt sich die Wolle portionsweise auf den Schoß und zieht sie mehrmals manuell aus, um sie zum Kardieren fein aufzubereiten. Viele Pflanzenteile sitzen von außen an den Locken, und sind jetzt noch viel leichter auszulesen, als während des Kardierens, weil sie dann bereits in die Fasern untergemischt worden sind. Feste Haarbündel werden von Hand ausgezogen, bevor die Karden zum Einsatz kommen. Je besser die Vorsortierung, desto leichter das Kardieren: Erste Knötchen und Pflanzenteile fallen so schon im Vorfeld heraus.

Die Mechanik des Kardierens

Auflockern der Wolle durch Streichen in Gegenrichtung, und übertragen des Faserflors durch gleichgerichtetes Streichen
Ein Arbeitszyklus folgt einem festen Rhythmus: Eine Handkarde wird befüllt, die Wolle durch wiederholtes Ausstreichen mit dem Partnerinstrument bearbeitet und am Ende als feiner Faserflor abgenommen. Dies wiederholt sich, bis der gesamte Wollvorrat durchgearbeitet ist, und beginnt für einen feineren Grad mit dem nächsten Kardenpaar von vorn. Ermöglicht wird diese Mechanik durch die Werkzeuge selbst, die im historischen Sprachgebrauch den Oberbegriff Handkarden (oder synonym: Krempel, Kardätschen) tragen. Jede Handkarde besteht aus einem flachen oder leicht konvex gewölbten Holzbrett mit einem Handgriff, auf das ein geschmeidiges Leder gespannt ist.

Durch dieses Leder sind hunderte feine Haken gezogen: Unter der Bespannung verbergen sich U-förmig gebogene Drahtklammern, die an der Oberseite mit einem charakteristischen Knick austreten. Der Winkel der Haken erlaubt es, die Faserbüschel im Wechselspiel der beiden Instrumente zu fassen und gegeneinander auszustreichen.

Befüllen

Eine Handkarde wird mit der Flockwolle gleichmäßig befüttert. Wenn man die Haarlocken gegen die Richtung der Haken streicht, bleiben sie dort haften. Das Brett mit den Haken soll auf der gesamten Fläche bedeckt sein. Dazu muss die Wolle reichlich aufgebracht werden. Ist die Handkarde zu gering befüllt, dann leidet die Qualität des Ergebnisses.

Eine zu große Wollmenge lässt sich dagegen leicht erkennen: Die überschüssige Wolle bleibt auf der Handkarde liegen, ohne von den Haken erfasst zu werden.

Ausstreichen

Kupferstich um 1855: Eine Handwerkerin kardiert Wolle
Kupferstich von Jean-François Millet um 1855: Eine Handwerkerin kardiert Wolle.
Man hält die befüllte Handkarde auf dem linken Knie und führt die leere Handkarde so darüber, dass die Drahthaken der beiden Werkzeuge gegeneinander wirken. Sie berühren sich nicht (oder kaum), der Widerstand kommt allein durch die Wolle.

Durch mehrmaliges, gleichmäßiges Streichen lösen sich die Faserknäuel auf und die Wollhaare richten sich schrittweise in eine einheitliche Arbeitsrichtung aus. Dabei ist eine Lederschürze praktisch, denn von einer Stoffschürze könnten sich Fasern lösen, die in die Wolle geraten. Man streicht die Handkarden zunächst fünf- bis sechsmal übereinander.

Hat sich dabei genügend Wolle auf der beweglichen Handkarde gesammelt, überträgt man den festhaftenden Wollrest von der ursprünglichen Befüllung auf die andere Handkarde. Das geht ganz leicht mit einem Streich in die Gegenrichtung. Im nächsten Durchgang arbeitet man zehn Streiche. Dabei achtet man auf eine gleichmäßige Befüllung sowohl in die vertikale wie horizontale Ausdehnung des Kardenbrettes. Und bei den folgenden Wechseln streicht man so oft, wie es nötig ist, um die Fasern gleichmäßig zu verteilen. Insgesamt wiederholt man diese Wechsel viermal. Die Mühe lohnt sich: Gut vorbereitete Wolle lässt sich leichter verspinnen. Auch das Gewebe wird gleichmäßiger, und selbst beim späteren Walken macht sich die sorgfältige Vorbereitung bemerkbar.

Abnehmen des Faserflors

Anatomie eines Faserflors
Der abgezogene Faserflor (Batt): eine lockere, gleichmäßige Faserschicht mit feinem Auslauf an der Unterkante (Seide) und ohne störende Verdickung am oberen Rand (Storz).
Man löst den Faserflor vom Kardenbelag, indem man mit einem Streich in die Gegenrichtung arbeitet. Die Bewegung ist so zart, dass sich das Material nicht mit den freien Haken verhakt, sondern frei und leicht als lockere Schicht abgehoben werden kann. Für den Faserflor haben sich in der modernen Spinnerszene auch die englische Bezeichnung Batt oder das allgemein textiltechnische Vlies eingebürgert.

Dieser Faserflor weist spezifische anatomische Merkmale auf, an denen seine Qualität gemessen wird: Der obere Rand (talon) darf nicht zu dick sein, da sich sonst ein unerwünschter Wulst (Storz) bildet. Ein sauberer Abzug verhindert diesen Mangel.

Der untere Rand ist der Bart oder die Seide. Das feine Auslaufen der Fasern trägt zu einem feinen Faden beim Spinnen bei. Um die Seide schön fein zu machen, muss man sehr lang ausziehen. Schließlich achtet man auf die beiden Seiten des Faserflors: Je heller und durchsichtiger sie sind, umso besser lassen sie sich spinnen. Eventuelle Knötchen im Fasermaterial sind durch die offene Lage sofort als Mangel zu erkennen.

Drei Schritte zum feinen Flor

Die gesamte Behandlung aus Befüllen, viermal im Wechsel streichen, und Abnehmen der Faserflore wiederholt man drei Mal. Beginnend mit dem gröbsten Streichinstrument wechselt man schrittweise zum feinsten über. Diese Abstufung schont das Werkzeug: Sobald die grobe Vorarbeit von den stabilen Reißkämmen erledigt wurde, sind die feinen, empfindlicheren Drahthäkchen der nachfolgenden Handkarden vor dem Verbiegen oder Ausreißen geschützt. (Heute erfolgt die Bearbeitung mit einem einzigen Handkardenpaar. Dessen Benadelung ist auf die Feinheit der Wolle abgestimmt, anstatt auf den Arbeitsschritt. Man arbeitet materialschonend, und gewaltsamer Faserbruch wird strikt vermieden. Ein bemerkenswerter Wandel im Umgang mit dem Rohmaterial!)

1. Durchgang: Aufreißen mit Reißkämmen

Arbeit am Reißbock
Ein Arbeiter am Reißbock, 1766
Trotz ihres Namens handelt es sich bei den Reißkämmen oder Brechkämmen nicht um echte Kammwerkzeuge, sondern um besonders grobe Handkarden mit dicken Haken. Mit einer Arbeitsfläche von 25cm x 15cm bilden sie die größte Handkardenvariante. (Ein Format, das in etwa den heutigen XL-Handkarden von Kromski entspricht.)

Die Hakendichte wird heute standardmäßig in TPI (Haken pro Quadratzoll) angegeben. Die historischen Reißkämme wiesen rechnerisch lediglich 32 bis 59 TPI auf. Solche niedrigen Werte sind im modernen Handspinnbedarf zwar selten, aber keineswegs ausgestorben: Sehr grobe Handkarden (etwa 46 TPI, wie sie beispielsweise von Louët angeboten werden) kommen diesen historischen Maßen am nächsten. Zum Vergleich: Heutige Standard-Handkarden, die als Allrounder für mittelfeine Wolle gelten, liegen bei 72 TPI.

10 g Wolle, Größenvergleich
So viel Wolle sind 10 Gramm im grob aufgelockerten Zustand. Der 5-Euro-Schein dient als Größenvergleich.
Ein einzelner Handwerker erzeugte mit den Reißkämmen etwa 90 bis 100 Portionen pro Kilogramm Wolle, jeweils gut 10 Gramm schwere, lockere Faserflore.

Zunächst reißt man die ungeordnete, verfilzte Rohwolle mit den robusten Reißkämmen auf. Bei diesem ersten Durchgang werden die Wollfasern gestreckt und teilweise angerissen, wodurch sie mehr Faserenden freisetzen und spürbar krauser werden. Dies fördert die spätere Bauschigkeit des Fadens: eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass das Tuch beim anschließenden Walken gut verfilzt.

Allzu grobe Gewalt vertragen selbst die relativ stabilen Haken der Reißkämme nicht. Im ersten Durchgang des Kardierens ist aber so viel Kraft nötig, dass ein charakteristisches Reißgeräusch zu hören ist. Die einzelnen Wollhaare weisen natürliche Schwachstellen auf. Solche Abschnitte geringeren Dickenwachstums sind biologisch völlig normal und stellen gewissermaßen Sollbruchstellen dar. Dass diese schwachen Fasern bereits im ersten Gang kontrolliert reißen, kommt der Qualität des Garns zugute: So wird verhindert, dass der Faden später beim Spinnen oder Weben unkontrolliert bricht.

Um die nötige Kraft aufzubringen, erhält der Reißkamm einen speziellen Griff, den man mit beiden Händen fassen kann. Der aktive Reißkamm wird auf diese Weise geführt, während der passive auf einem Bock eingespannt und dadurch arretiert ist.

2. Durchgang: Mischen + Reinigen mit Kratzen

Die Kratzen entsprechen mit ihren Maßen von etwa 20cm x 12cm den heutigen Standard-Handkarden (wie z.B. Modellen von Ashford, Wollschaaarf oder Glimåkra). Sie sind mit feinerem Draht besetzt mit einer Hakendichte von gut 90 TPI, was direkt im Bereich moderner feiner und extrafeiner Handkarden liegt. Mit diesem Werkzeug erzeugte der Kardierer 140 bis 160 Faserflore pro Kilogramm Wolle. Das entspricht einer einzelnen Portion von etwa 6 bis 7 Gramm.

Der Fokus liegt auf dem Durchmischen und Verfeinern. Alle Fremdkörper (Pflanzenteile) und Knötchen sollten aus dem Material entfernt werden.

3. Durchgang: Verfeinern mit Streichen

Die dritte Variante bilden die Streichen, die nur eine unwesentlich höhere Banadelungsdichte, aber dafür deutlich feinere Drahthäkchen aufweisen. Von dieser Werkzeugbezeichnung leitet sich im Übrigen der Begriff des Streichgarns direkt ab. Auch die Streichen entsprechen mit ihren Maßen dem heutigen Standardformat. Ihre Nadeldichte von 104 TPI lässt sich im modernen Sortiment zwischen extrafeinen Woll-Handkarden und speziellen Baumwoll-Handkarden einordnen. Mit diesem Instrument erzeugte der Kardierer schließlich 200 bis 220 Faserflore pro Kilogramm Wolle. Das entspricht hauchfeinen Vliesen von lediglich 4 bis 5 Gramm, die eine optimale Grundlage für das anschließende Verspinnen boten.

Faserflore mit Farbe
Drei abgerollte Faserflore (Rolags). Die pflanzengefärbte Wolle wurde farblich gemischt, wodurch die Streifen entstehen.
Dieser Durchgang konzentriert sich auf die Fluffigkeit und Gleichmäßigkeit des Materials. Am Ende wird das abgenommene Vlies zylindrisch aufgerollt. Dies ist die Form, die wir im modernen Sprachgebrauch als Flöte oder rolag bezeichnen würden, in der Sprache des 18. Jahrhunderts jedoch als Löckchen. Um noch mehr Lockerheit zu erreichen, wird jedes fertige Löckchen um ein Drittel in die Länge gezogen. In dieser Form kann die Wolle nun den Spinnerinnen übergeben werden.

Geschichte

Erfindung der Handkarde

Die Erfindung der Handkarde fällt in den Zeitraum vom späten 13. bis zum frühen 14. Jahrhundert. Vielleicht war das mechanische Prinzip der Faserbearbeitung keineswegs neu (womöglich dienten in früherer Zeit mit Schlehendornen bestückte Hölzer als Behelf ), doch erwiesen sich solche organischen Konstruktionen für eine professionelle Tuchproduktion als zu unbeständig und ineffizient.

Der eigentliche Durchbruch der Handkarde war eng an die Verfügbarkeit von Draht gekoppelt. Obwohl Draht bereits seit dem Altertum bekannt war, blieb seine Herstellung lange Zeit kostspielig und zeitaufwendig. Erst der enorme Bedarf an Kettenhemden im Hochmittelalter schuf den Nährboden für eine gewerbliche Drahtzieherei. Als im 14. Jahrhundert schließlich wassergetriebene Drahtmühlen aufkamen, sanken die Produktionskosten drastisch.

Der Name „Karde“

Weberkarde
Die Weberkarde, Dipsacus sativus
Die Bezeichnungen Kardieren oder Handkarde leiten sich etymologisch von der Weberkarde (Dipsacus sativus) ab. Dies geschah jedoch nicht, weil man die distelartigen Kardenköpfe zur Vorzeit direkt als Handkarden eingesetzt hätte: das ist rein technisch undenkbar. Es war vielmehr die optische Ähnlichkeit der dicht mit feinen Haken besetzten Oberflächen, die zur Übertragung des Namens auf das eiserne Drahtwerkzeug führte.

Erfindung der Trommelkarde

Trommelkarde
moderne Trommelkarde
Ab dem späten 18. Jahrhundert erfand man eine Möglichkeit, das zeitintensive Handkardieren zu mechanisieren: Bei der Trommelkarde spannte man die mit Haken bestückten Ledermatten auf rotierende Walzen. Das steigerte die Produktionsmenge erheblich. Anstelle des stetigen Wechselspiels von Streichen und Wenden sorgte nun die kontinuierliche Drehung einer Kurbel, manuell oder per Dampfkraft, für ein schnelles und gleichmäßiges Ergebnis. Zugleich erlaubte dieses Prinzip, die Arbeitsfläche und damit die verarbeitbare Wollmenge beträchtlich zu vergrößern. Während klassische Handkarden meist zwischen 10 und 20 cm breit sind, decken moderne Trommelkarden im Hobbybereich verschiedene Kapazitätsklassen ab. Von 10 cm bis 40 cm Arbeitsbreite sind sie ausgelegt für 25g, 50g oder 100g Wolle. In der Textilindustrie hingegen wird auf riesigen Kardenstraßen mit Arbeitsbreiten von mehreren Metern gearbeitet.

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Quellen

  • Freudenberg, Brigitte (1994). "Wolle und ihre Verarbeitung" In: Kleider machen Leute - Leute machen Kleider.
  • (2013). "A Short History on Wool Carding" In: Wovember. Link zur Quelle
  • Heller, Sarah-Grace (2018). "A Cultural History of Dress and Fashion in the Medieval Age" Link zur Quelle
  • Duhamel du Monceau, Henri Louis (1766). "Die Tuchmacherkunst vornehmlich in feinen Tüchern" Link zur Quelle
  • Funke, E. Ph. (1802). "Naturgeschichte und Technologie für Lehrer und Schulen und für Liebhaber dieser Wissenschaften"
  • Herzfeld, Erika (1994). "Abbildung des Kammpotts"
  • Johannsen, Otto (1932). "Die Geschichte der Textil-Industrie"
  • Wagner (1862). "Theorie und Praxis der Gewerbe: Hand- und Lehrbuch der ..."
  • "Preussische Manufakturen: grossgewerbliche Fertigung von ..."
  • Anonym (1524). "Eyn gesprech, von dem gemaynen Schwabacher Kasten als durch brůder Hainrich, Knecht Ruprecht, Kemerin, Spůler, vñ jrem Maister, des Handt|wercks der Wüllen Tůchmacher" Link zur Quelle
  • Marperger, Paul Jacob (1723). "Ausführliche Beschreibung des Zeugmacher-Handwercks" Link zur Quelle
  • Reden, Dr. von (1834). "Über Kammwolle, Kammgarn-Spinnerei und kammwollene Zeuge" Link zur Quelle