Warum Rohwolle heute unterschätzt wird
Wolle war über Jahrhunderte ein wertvoller Rohstoff. Heute steht sie bei vielen Schafhaltern nicht mehr im Mittelpunkt. Oft sind sie schon froh, wenn sich eine sinnvolle Verwendung im Garten findet, als natürlicher Dünger.
Schafhalter klagen oft darüber, dass Rohwolle kaum noch Geld bringt. Gleichzeitig fahren Handspinner viele Kilometer oder lassen sich für teures Porto einen Müllbeutel voller Kot und Wollfetzen schicken, in der Hoffnung, darin noch gutes Spinnmaterial zu finden.
Dieser Widerspruch zeigt: Nicht die Wolle ist wertlos geworden; wir haben nur verlernt, ihren Wert zu erkennen und zu erhalten.
Wollqualität beginnt schon bei der Schur

Futterraufen über den Köpfen der Tiere wurden bereits Wochen vor der Schur umgestellt, damit kein Stroh auf den Rücken fällt. Als Einstreu eigneten sich Materialien wie Sägespäne, die sich leichter aus der Wolle entfernen lassen als das übliche Stroh. Die Fangbucht für die wartenden Schafe durfte nicht überfüllt sein, denn dicht gedrängte Schafe beschmutzen sich gegenseitig.

In modernen Schurbetrieben, beispielsweise in Neuseeland, arbeitet zusätzlich ein Wollsortierer. Dieser Berufsstand hält den Schurplatz sauber, breitet das vollständige Vlies auf einem großflächigen Sortiertisch aus und teilt es noch vor Ort in Qualitätsstufen ein. Der erhaltene anatomische Verband der Fasern zeigt an, welche Partien vom Rücken, vom Bein oder vom Hinterteil stammen.

Vlies oder lose Wolle: der entscheidende Unterschied
Diese Sorgfalt bei der Gewinnung eines Vlieses findet man heute nur noch selten. Und fachgerecht vorsortierte Wolle hat dann ihren Preis.
Der preisbewusste Handspinner wählt deshalb oft einen Sack Düngerwolle. Darin finden sich neben brauchbaren Fasern auch ganze Äste, Plastikschnüre aus der Haltung und große Mengen Ausschuss, die die brauchbaren Partien verunreinigen. Damit werden wir leicht fertig: Schmutz kann gewaschen werden.
Das wahre Problem ist der Verlust der Ordnung im Rohmaterial. Die Fasern sind vermischt, stammen vielleicht nicht einmal vom selben Tier. Der anatomische Verband ist verschwunden; es gibt keine erkennbare Innen- und Außenseite mehr. Zurück bleibt nur ein Gemisch aus einzelnen Fetzen.
Auch einen solchen ungeordneten Ballen müssen wir zunächst sortieren. Doch wir haben dabei völlig andere Ausgangsbedingungen als der professionelle Wollsortierer.
Die einzelne Locke richtig beurteilen

Beim Sortieren wird die Wolle in handlichen Portionen auf dem Tisch ausgebreitet. Einen speziellen Sortiertisch mit Gitterrost braucht es dafür nicht zwingend. Auch große Flächen sind für die leicht portionierbaren Mengen nicht erforderlich: eine Unterlage in der Größe eines Zeitungsblattes reicht völlig aus. Zwei Behälter stehen bereit: einer für Abfall, einer für brauchbares Material. Pappkartons, Müllsäcke oder Gewebesäcke eignen sich dafür gleichermaßen.
Man zupft nur eine Handvoll Material aus dem Wirrwarr. Eine größere Partie anzuschauen und für gut zu befinden, ist keine echte Abkürzung. Die Qualität steckt im Detail. Die Fasern werden zunächst in eine Lage gebracht, in der sie sich nach ihrer Länge beurteilen lassen. Je länger und gleichmäßiger die einzelnen Wollfasern sind, desto besser lassen sie sich beim Spinnen zu einem stabilen Faden verbinden. Diese Faserlänge wird als Stapellänge bezeichnet.
Nachschnitt und Verschmutzungen erkennen und aussortieren

Anschließend prüft man die Seite des Haaransatzes: Dort finden sich häufig kleine Flocken sehr kurzer Fasern, die beim Scheren entstehen, wenn der Scherer zweimal über dieselbe Stelle gleitet. Dieser sogenannte Nachschnitt bildet beim Kardieren kleine Knötchen und muss konsequent verworfen werden.

Auf der Seite der Haarspitzen achtet man auf einzelne Locken, die durch Kot oder stark verharztes Fett verklebt sind. Auch stark mit Stroh oder Kletten durchsetzte Partien werden großzügig aussortiert, da der Aufwand des Ausreinigens den Wert der Faser übersteigen würde.
Der Begriff Locke wird hier vereinfachend für ein natürlich zusammenhängendes Haarbüschel verwendet. Nicht bei jeder Schafrasse gliedert sich das Haarkleid deutlich in solche einzelnen Bündel. In der Wollkunde spricht man dafür auch von einem Stapel.
Natürlich entfernt man bei diesem Schritt auch grobes Laub und Heu. Doch die Reinigung bleibt Nebensache; primäres Ziel ist das Aussondern unbrauchbarer Abschnitte.
Dieser Detaillierungsgrad erfordert Zeit: Wenn jede Locke einzeln geprüft werden muss, geht der Vorteil des zusammenhängenden Vlieses verloren: Aus einem schnellen Sortiervorgang wird eine zeitaufwendige Einzelbewertung. Bei einer ungeordneten Wollpartie kann die Sortierung eines einzelnen Beutels Schurwolle bis zu einer Stunde dauern.
Eines wird jeder bemerken, der zum ersten Mal Rohwolle in den Händen hält: Sie riecht. Auch hochwertig vorsortierte Wolle riecht nach Schaf und Wollfett (Lanolin). Das gehört dazu. Die Wolle stammt von einem lebendigen Tier und bringt dessen natürliche Spuren mit. Staub, Schweiß und Kotreste sind im Ursprungszustand kein Qualitätsmangel, sondern die Norm. Die Kunst des Sortierens besteht darin, frühzeitig zu erkennen, welche Partien wertvolle Substanz haben.
Wollqualitäten nach Verwendungszweck trennen
Es spricht nichts dagegen, die Wolle bereits beim Aussortieren nach verschiedenen Sortierklassen zu trennen. Vorausgesetzt, man kann diese später auch gezielt weiterverarbeiten.
Wer beispielsweise ein besonders feines Garn spinnen möchte, sortiert sich gleich eine Portion mit den längsten, feinsten und gleichmäßig gekräuselten Fasern heraus. Eine zweite Sortierklasse besteht aus gröberen und robusten Fasern. Es gibt also nicht nur gut und schlecht, sondern jede Kategorie kann für bestimmte Projekte besonders wertvoll sein.
Ebenso kann man nach Naturfarben sortieren. Bei mehrfarbigen Wollmassen lassen sich die unterschiedlichen Farbtöne auf diese Weise erhalten und später gezielt einsetzen, ohne sie durch Vermischung zu verlieren.
Nach dem Sortieren beginnt die Reinigung
Damit ist die Sortierarbeit abgeschlossen. Die Wolle liegt nun in einer Qualität vor, bei der sich die weitere Verarbeitung lohnt. Der nächste Schritt ist das Waschen. Erst danach folgen Kämmen oder Kardieren und schließlich das Spinnen.

Ist die Wolle dagegen vollständig durchgetrocknet, sieht die Sache anders aus. Dann kann eine luftdichte Lagerung sogar sinnvoll sein: Sie schützt vor Motten und anderen Verunreinigungen und ermöglicht eine jahrelange Aufbewahrung. Das Lanolin wird dabei lediglich fester und lässt sich später eventuell nur durch zusätzliche Waschgänge lösen.
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