Einführung
Die Grundlagen dieses Artikels basieren auf meiner intensiven praktischen Beschäftigung mit dem Nadelbinden in den 1990er Jahren. Als aktives Mitglied der Textilgruppe im Museumsdorf Düppel arbeitete ich eng mit Gudrun Böttcher zusammen, die zu dieser Zeit die Nadelbindung zu ihrem Forschungsschwerpunkt machte und ihre Erkenntnisse in Fachpublikationen veröffentlichte. Ich habe die verschiedenen Stiche, das Zusammenfilzen und die Herstellung ganzer Kleidungsstücke aus selbstgesponnener Wolle erlernt und praktiziert. In einer Zeit, in der es keine deutschsprachigen Anleitungen gab, erstellte ich den ersten Online-Katalog, um die archäologisch belegten Stiche systematisch zu dokumentieren und zugänglich zu machen.
Die Technik des Nadelbindens wird seit Jahrtausenden praktiziert.
Archäologische Beispiele sind aus bronzezeitlichen
Gräbern Nordeuropas und aus Ägypten bekannt. Nadelbindung geriet bei
uns weitgehend in Vergessenheit, als sich im Spätmittelalter das
Stricken verbreitete. In vielen Regionen der Erde sind Techniken des
Nadelbindens jedoch noch immer Tradition.

Herstellung der Nadel
Man benötigt eine stumpfe, breite Nadel, wie sie im Handel nicht zu
bekommen ist. So kannst Du selbst eine Nadelbindungs-Nadel herstellen:
Zuerst wird ein spaltbares, elastisches und
langfaseriges Holz ↗
ausgewählt. (Eibe, Flieder). Neben Hölzern sind auch die
Fibula-Knochen des Schweins historisch belegt, deren natürliche
Form bereits viel Schnitzarbeit erspart.



Dann wird die Nadel von allen Seiten fein poliert und sieht
etwa so aus:

Anleitung
Jeder der unzähligen möglichen Nadelbindungs-Stiche ist anders. Diese
Anleitung gilt daher nur für ein bestimmtes Beispiel. Aber wenn Du in
einem Stich erst einmal Übung und Routine hast, kannst Du Dir weitere
Stiche leicht erschließen.

Man hält die Kreuzungsstelle mit Daumen und Zeigefinger fest,
damit sich nichts verzieht. Die hier für Rechtshänder gezeigte
Darstellung muss vom Linkshänder entsprechend gespiegelt werden.


Du kannst vor dem Wenden innehalten und den Faden nachziehen.
Noch kann sich alles sehr leicht verziehen, die Stabilität kommt hinzu, wenn
wir mehr Schlaufen hergestellt haben.
Erfahrene Anwender schaffen den Hin- und Rückstich in einem Arbeitsgang,
indem sie nicht die Richtung der Nadel ändern, sondern nur das Geflecht
in der linken Hand passend verformen.

Runde um Runde entsteht eine Art Schlauch. Durch
Abnahmen und Zunahmen in der Maschenzahl kannst Du aus dieser Grundform
Socken, Mützen oder Handschuhe formen.

Anstückeln
Irgendwann geht das kurze Stück Faden zu Ende. Wenn Du den Fadenrest einfach hängen lässt und mit neuem Garn weiterarbeitest, wird das Werkstück nicht besonders ordentlich aussehen. Es gibt verschiedene Methoden, mit diesem Problem umzugehen. Einige Vorschläge zum Anstückeln:
- Drehe die Fasern vom letzten Ende des Zwirns auf, verdrille sie mit den Fasern eines neuen Meters Zwirn, und kaue die Verbindungsstelle mit reichlich Speichel durch, bis sie verfilzt. Das ist die klassische skandinavische Methode, die etwas Geduld voraussetzt. Sie funktioniert natürlich nur bei echter Schafswolle.
- eine Variante: Die aufgedrehten Fadenenden werden mit Spucke in der Hand kräftig gerieben, und so verfilzt.
- Man lässt das alte Ende überstehen, nimmt einen neuen
Faden und legt los. Die losen Enden werden später vernäht. Das ist
nicht sehr ordentlich, denn durch die Unterbrechung des Fadens ist
eine Schlinge offen. Damit kein fortlaufender Fehler in der Arbeit
entsteht, muß man die letzte Schlinge wiederholen.
Bei Werkstücken, die später verfilzt werden sollen, ist diese Arbeitsweise sicher vertretbar. An historischen Stücken ist dieses Verfahren jedoch nicht nachgewiesen worden. - Russian join wird die Methode genannt, wenn der Faden einige Zentimeter vor dem Ende aufgedreht wird, und das Ende mit der Nadel in die Zwirnung desselben Fadens hineingezogen wird. Es entsteht eine feste Schlaufe, in die der neue Faden eingehängt werden kann. Auch dieser Faden wird in gleicher Weise mit einer Schlaufe versehen. Die Überstehenden Enden werden knapp abgeschnitten.
- Man legt den von der Spindel kommenden Faden in der gewünschten Länge dreifach, so dass an jedem Fadenende eine Schlinge und ein offenes Ende entsteht. Beim Anstücken kann der neue Faden durch die Schlinge geführt werden, und in derselben Weise in Drittel gelegt werden.
Erläuterung der Notation
a) nach Hansen: Wir nehmen noch einmal das oben
beschriebene Beispiel.
Die Reihenfolge, wie wir unter (U) oder über (O) die Fäden
gegangen sind, notiert man "UOO/UUOO"
(lies: unten-oben-oben; wenden; unten, unten, oben, oben).
Dies ist nur ein möglicher Stich aus der Vielzahl.
Jetzt kannst Du auch leicht eine Formel wie "UO/UOO"
oder "UUOO/UUOOO" verstehen und ausführen.
Zur Bezeichnung verschiedener Stiche hat sich in der Literatur die
Notation nach Hansen (z.B. F1 UUO/UOOO ) durchgesetzt. Sie ermöglicht
die exakte Erfassung der wichtigsten Parameter eines gegebenen Stiches
und erlaubt eine fadengerechte Rekonstruktion.
Die Art der Verbindung zwischen den Reihen wird der Formel vorangestellt.
Dabei bedeutet F, daß die Nadel vorn vorn ("front") einsticht, ein
B ("back") steht für hinten. Die Zahl dahinter gibt an, wieviele
Schlaufen einbezogen werden. (Viele Autoren setzen die Art der Verbindung
an den Schluss der Formel. Dies entbehrt jedoch der Logik, denn in der
Praxis muss zuerst die Verbindung genäht werden, dann die Schlaufe.)
Das Beispiel F2.2 würde bedeuten, dass der Verbindungsstich 2 Schlaufen
umfasst, dann von unten nach oben wechselt und 2 weitere Schlaufen
umfasst, also 4 insgesamt.
b) nach Fundorten:
Leider kann man sich derartige Formeln nicht gut merken, so dass man sich
im Gespräch oft der Benennung durch Fundorte bedient (z.B. Oslo-Stich).
Diese Benennung ist allerdings so willkürlich, dass sie manchmal eher
Verwirrung stiftet.
Beispiele sind:
- Einfache Nadelbindung ( F1 B1 -/-O)
- Dänischer Stich (F1 O/UO)
- Oslo Stich (F1 UO/UOO)
- Mammen Stich/ Korgen Stich (F1 oder F2 UOO/UUOO)
- Brodén's Stich (F1 oder F2 UOOO/UUUOO)
- Dalby Stich (F1 UOU/OUOO)
- Coppergate Stich/ York Stich (F2 UU/OOO)
- Saltdal Stich (F1 oder B1) UUU/OOOU)
- Åsle Stich (B1 F1 U(U)O/UO:UOO)
- Omani Stich (F1 U(U)(OO/UU)OOO:UUUOO)
c) nach Hald: Schließlich wird auch noch die Klassifizierung nach M.Hald (z.B. Typ II) regelmäßig zitiert, die jedoch stark vereinfacht und kaum mehr benutzt wird. Hierbei werden alle Variationen einem Typ zugeordnet, die bei der Schlaufenbildung dieselbe Anzahl von Fäden kreuzen. Bei Typ I wird also nur eine existierende Schlaufe eingebunden, bei Typ II sind es zwei, und so weiter.
Allein der Typ I, der nach Hansen nur die Varianten O/UO, U/OU, O/UU und U/OO ermöglicht, erlaubt unter Berücksichtigung der Verbindungen über 100 Variationen!
Variationsmöglichkeiten
Anstatt nur schlauchförmige Textilien zu nadelbinden, kannst Du auch
in Reihen vor- und zurück arbeiten. So entstehen
ebene textile Flächen.
Anstatt Wollfäden in der Stärke von Strickgarn zu verwenden, kannst Du
einen haarfeinen Seidenfaden mit einer winzigen Nähnadel verarbeiten.
Das klingt zu verrückt? Im Mittelalter hat man so sehr feine Handschuhe
für die Priester hergestellt, sogenannte Pontifikalhandschuhe.
Zum Beispiel die Handschuhe des Abtes Pierre de Courpalay von 1334:
Der Stich ist extrem einfach: Es wird in die Vorreihe eingehakt, gar nicht
verschlungen, und wieder eingehakt. 350 mal in einer einzigen Runde.

Regelmäßige Durchbrüche bilden dabei das Muster, indem man zwei
Schlaufen der Vorreihe übergeht, und erst in der dritten einsticht.

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Fachliteratur & Quellen
Nadelbinden - Was ist denn das?
Werkzeuge & Hilfsmittel
Nadelbindungs-Nadel
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