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Illustration zum Thema: Pergament herstellen: Vom Tierfell zum Schreibmaterial

Die Kunst der Pergamentherstellung: von der Tierhaut zur fertigen Schreiboberfläche

👤︎ Fabian Peise 📅︎ 13.01.2025

Ich habe die Pergamenthersteller immer interessiert beobachtet, als ich im Spätsommer in Biskupin (Polen) auf dem jährlichen Archäologischen Fest als Darsteller tätig war. Sie präsentierten dort ihre Handwerkskunst für die Tagesgäste, doch als ständiger Teilnehmer konnte ich mir den Prozess über die ganze Woche hinweg ansehen. Natürlich mussten wir den Handwerkern beim Enthäuten der Tiere und Entfleischen der Haut nicht beiwohnen. Das Material kam bereits vorbereitet aus der Äscherlösung. Es waren also vor allem die letzten Handgriffe des Trocknens, Schabens und der Veredelung des Pergaments, die ich dort aus erster Hand erfahren konnte.
Pergament ist ein hochwertiges Schreibmaterial, das aus der Haut von Tieren hergestellt wird. Der Prozess ist zeitaufwendig und erfordert spezielle Techniken und Materialien. Hier folgt eine detaillierte Anleitung zur Herstellung von Pergament, basierend auf historischen Verfahren.
Pergament war über Jahrhunderte hinweg eines der wichtigsten Materialien für die Herstellung von Büchern, Urkunden und Manuskripten. Sein Wert lag in seiner Haltbarkeit, der glatten Schreibfläche und der Möglichkeit, Texte durch Kratzen oder Abschaben zu korrigieren. Es war robuster als Papyrus und ermöglichte aufwändige Verzierungstechniken wie Illuminationen oder Goldverzierungen. Für ein einziges Manuskript wurden oft Dutzende Tierhäute benötigt. Die hohe Nachfrage nach gutem Pergament machte es zu einem Luxusgut, das sich nur wohlhabende oder institutionelle Auftraggeber leisten konnten.

Geeignete Tiere

Die Wahl des Tieres ist von zentraler Bedeutung für die Qualität und den Einsatzzweck des Pergaments. Verschiedene Tierarten und Altersgruppen liefern unterschiedliche Eigenschaften, die sich in Haptik, Festigkeit, Dicke und Bearbeitbarkeit der Häute widerspiegeln: Schafe oder Ziegen haben dünne und robuste Häute. Sie sind elastisch und eignen sich gut für Anwendungen, bei denen Flexibilität gefragt ist. Häufig genutzt für Buchdeckel oder Dokumente, die strapazierfähig sein müssen. Ziegenhäute sind oft etwas glatter und feiner, während Schafhäute weicher sind. Diese Häute lassen sich leicht verarbeiten und sind traditionell weit verbreitet.
Kälber wurden für feineres Pergament genutzt, das oft für Manuskripte verwendet wurde. Generell sind die Häute von jüngeren Tieren oft dünner und gleichmäßiger. Kalbshäute sind besonders fein und gleichmäßig. Feineres Kalbspergament ist ideal für filigrane Malereien oder Illuminierungen.
Jungfernpergament aus ungeborenen Kälbern ist extrem selten und war früher ein Luxusgut, das nur für besondere Zwecke verwendet wurde. Es ist extrem fein, durchscheinend und gleichmäßig in seiner Struktur. Es wurde für wichtige Manuskripte, Königsdokumente und heilige Texte genutzt.
Von Reh und Hirsch wurden strapazierfähige und robuste Häute gewonnen, die oft für langlebige Dokumente oder technische Anwendungen (z. B. Trommelbespannung) genutzt wurden.
Die Häute von Esel oder Pferd waren dicker und wurden seltener verwendet, da sie schwieriger zu bearbeiten waren. Pferdehäute fanden eher in der Trommelherstellung Verwendung.
In einigen Kulturen wurde Hundefell für Pergament genutzt, vor allem, wenn andere Materialien knapp waren.
Känguruhäute wurden in Australien experimentell für Pergament genutzt, da sie zäh und reißfest sind.
Fischhäute sind selten, aber für spezielle Anwendungen genutzt, zum Beispiel in Küstenregionen. Fischhäute ergaben sehr feines, durchscheinendes Pergament.

Werkzeuge für das Enthäuten

Die Enthäutung ist ein kritischer Schritt, der Sorgfalt und die richtigen Werkzeuge erfordert, um die Haut intakt zu halten. Traditionell werden folgende Werkzeuge genutzt:

  • Schlachtmesser: Ein scharfes, stabiles Messer für den präzisen Schnitt an der Haut. Die Klinge sollte gut gepflegt und scharf sein, um Verletzungen der Haut zu vermeiden.
  • Enthäutungsmesser: Diese Messer haben oft eine gebogene Klinge, die das Trennen der Haut vom Fleisch erleichtert.
  • Schaber oder Fleischerkratzer: Zum Entfernen von Fett- und Fleischresten an der Unterseite der Haut. Sie sind flach und scharf genug, um das Gewebe sauber abzuschaben, ohne die Haut zu beschädigen.
  • Hautzieher: Ein spezielles Werkzeug, das in der industriellen Verarbeitung genutzt wird, um die Haut gleichmäßig und ohne Risse vom Tier zu lösen. In der handwerklichen Verarbeitung wird dieser Schritt oft manuell durchgeführt.

Abziehen der Haut

Das Abziehen beginnt typischerweise an den Beinen oder dem Bauch. Durch gezielte Schnitte entlang der Muskeln wird die Haut gelöst. Es ist darauf zu achten, nicht zu tief zu schneiden, um das darunterliegende Fleisch nicht zu verletzen oder die Haut zu durchtrennen. Die Tierhaut sollte nicht mit Schmutz, Kot oder Blut verschmutzt werden, da dies die spätere Reinigung erschwert.

Frisch verarbeiten oder konservieren

Die Haut sollte zum Pergamenten frisch verarbeitet werden, da getrocknete oder schlecht konservierte Häute schwer zu verarbeiten sind. In einem kühlen Raum (ideal unter 5 °C) können die Häute zur Not einige Tage gelagert werden, um Fäulnis zu vermeiden.
Einsalzen und anschließend trocknen konserviert die Häute, wenn man sie nicht sofort verarbeiten kann. Und das spätere Einweichen geht viel besser, wenn man die Häute vor dem Trocknen gesalzen hat.

Entfleischen

Nach dem Enthäuten ist das Entfleischen der erste Verarbeitungsschritt. Dabei wird das Unterhautbindegewebe zusammen mit Fett- und Fleischresten entfernt. Dieser Schritt ist wichtig, um eine gleichmäßige Oberfläche für die Weiterverarbeitung zu schaffen. Die Haut wird auf einer stabilen, glatten Unterlage fixiert, oft auf einem Holzbock oder einem speziellen Entfleischtisch.

Einweichen

Frische Häute werden einige Stunden, getrocknete Felle 2-3 Tage in einem Waschzuber eingeweicht, um sie geschmeidig zu machen. Währenddessen kann leichtes Ziehen und Walken hilfreich sein.

Spülen

Anschließend spült man die Häute gründlich mit fließendem Wasser.

Herstellung der Äscherlösung

Die Äscherlösung ist eine stark alkalische Flüssigkeit, die hilft, Haare und Gewebe von der Haut zu lösen.
Pro 10 Liter Wasser werden entweder 250 g gebrannter Kalk oder 400 g gelöschter Kalk verwendet. Der Unterschied zwischen gebranntem Kalk ↗ und gelöschtem Kalk ↗ liegt in ihrer chemischen Zusammensetzung und der Reaktion mit Wasser. Beide Stoffe erfüllen denselben Zweck bei der Herstellung der Äscherlösung: Sie liefern Hydroxidionen (OH⁻), die für das Äschern der Felle notwendig sind.
Gebrannter Kalk (CaO) ist reaktiver als gelöschter Kalk. Sobald er in Wasser gegeben wird, entsteht eine exotherme Reaktion (Wärme wird freigesetzt), die ihn in gelöschten Kalk (Calciumhydroxid) umwandelt. Erst dann löst er sich teilweise im Wasser, wobei eine alkalische Lösung entsteht. Schneller und kostengünstiger, aber erfordert Vorsicht, da die Reaktion gefährlich sein kann (Spritzgefahr, Verbrennungen).
Gelöschter Kalk (Ca(OH)₂ liegt bereits in der Hydroxid-Form vor. Er löst sich direkt in Wasser, um die Äscherlösung herzustellen. Er ist einfacher zu handhaben, da keine Wärmeentwicklung auftritt und keine zusätzliche Reaktion notwendig ist. Sicherer und einfacher in der Handhabung, aber meist etwas teurer und benötigt mehr Materialgewicht für dieselbe Wirkung.

Äscherung mit Kalk

Getrocknete Felle muss man vorher einweichen bis sie wieder flexibel sind, notfalls auch etwas ziehen und durchwalken und dann nochmal einweichen. Zum Beispiel In einem in die Erde eingegrabenen Fass werden die Felle in die Kalkmilch eingelegt. Zunächst wird die Fleischseite der Haut mit der Kalklösung bestrichen. Hierfür verwendet man einen Lumpen, der an einem Stock befestigt ist. Dann legt man die Felle in die Äscherlösung. Wenn das Äscherbecken groß genug ist, achtet man darauf die Felle Fleisch auf Fleisch und Wolle auf Wolle in der Kalklösung zu stapeln.
Die Felle werden in jedem Fall vollständig mit der Kalkmilch bedeckt und idealerweise bei 15-20 °C eingelegt. Tägliches Umrühren verhindert ungleichmäßiges Äschern und Kalkflecken. Unter 15°C läuft der Prozess des Äscherns zu langsam ab, über 20° ist die Wirkung ungleichmäßig.
Die Einwirkzeit beträgt bei dieser Temperatur 5-6 Tage, wenn es zu kalt ist bis zu 3 Wochen. Während dieser Zeit setzt die Haarlässigkeit ein, das heißt, man kann die Wolle leicht abstreifen.

Waschen und Entwollen

Nach der Einwirkzeit werden die Felle gründlich gewaschen, um den Kalk zu entfernen. Die Wolle wird vorsichtig mit einem kantigen Stock abgezogen. Gewalt sollte vermieden werden.

eventuell nachäschern

Wenn sich die Wolle nicht gleichmäßig entfernen lässt, streift man so viel ab wie es möglich ist, und legt die Felle für ein oder zwei Stunden unter beständigem Rühren in ein konzentrierteres Kalkwasser ein.

Spannen der Haut

Die "Blöße" (die enthaarte und entfleischte Haut) wird in einen Holzrahmen gespannt. Dazu werden kleine Kieselsteine in die Zipfel der Haut gelegt, diese umgeschlagen und mit Schnurschlingen am Rahmen befestigt. Die Haut wird dabei faltenfrei und gleichmäßig gespannt.

Trocknung und Bearbeitung

Während des Trocknens wird die Haut mit Kreide eingerieben, um sie schön weiß zu machen. Mit einem scharfen, gebogenen Messer wird die Haut von beiden Seiten gleichmäßig dünn geschabt. Dies kann im durchscheinenden Gegenlicht kontrolliert werden.
Zu hohe Temperaturen während des Trocknens können dazu führen, dass die Haut spröde wird oder einreißt. Idealerweise erfolgt das Trocknen bei moderaten Temperaturen zwischen 15 und 25 °C.
Die gut gespannte Haut wird auf der Narbenseite (dort wo das Fell war) mit einem scharfen Streicheisen (halbmondförmiges Messer) fest geschabt, vor allem um das Wasser herauszudrücken. Dann mit einem Pinsel wieder mit sauberem Wasser bestreichen.
Die Fleischseite mit Kreidepulver bestreuen und mit einem stumpfen Streicheisen gut schaben. Noch mehrmals mit Kreide einreiben und abschaben, dann die Fleischseite wieder mit Kreide bestreuen und diese mit einem Bimsstein einreiben, bis Adern und Unebenheiten verschwunden sind.

Bleichen

Während des Trocknens und Spannens der Haut im Rahmen wurde Pergament traditionell in der Sonne gebleicht, da das UV-Licht zur Aufhellung beiträgt. In späteren Zeiten kamen chemische Methoden hinzu, wie die Behandlung der Haut mit Schwefeldioxid (SO₂). Dieses Gas wurde durch das Verbrennen von Schwefel erzeugt und half, die Haut weiter aufzuhellen und gleichzeitig zu desinfizieren. Dann schneidet man die Haut aus dem Rahmen heraus, die Zipfel zum Festspannen können nicht verwendet werden.

Lagerung und Weiterverarbeitung

Das Pergamentblatt wird auf Format zugeschnitten. Um das fertige Pergament zu lagern, wurde es trocken und lichtgeschützt in speziellen Behältern oder Kisten aufbewahrt, oft zwischen Stofftüchern, um Schäden durch Reibung zu vermeiden.
Bei der Weiterverarbeitung wurde das Pergament häufig geglättet und poliert, bevor es beschrieben oder bedruckt wurde. Dünne Schichten von Glättemitteln wie Eiweiß oder Stärke wurden aufgetragen, um eine haltbare Oberfläche für das Schreiben oder Malen zu erhalten: Eiweiß, insbesondere das Eiklar von Eiern, wurde als bevorzugtes Mittel genutzt. Es wurde auf das Pergament aufgetragen und dann sanft mit einem Stein oder einem speziellen Werkzeug in die Haut eingearbeitet. Dies hatte den Effekt, das Pergament zu verdichten und zu glätten, wodurch eine fast glänzende Oberfläche entstand, die zudem eine gewisse Wasserfestigkeit erlangte. Alternativ wurde auch Stärke verwendet, die oft aus Weizen oder Reis gewonnen wurde. Sie konnte entweder in flüssiger Form aufgetragen oder in eine Paste verwandelt und dann mit einem Schleifstein bearbeitet werden. Diese Methode ermöglichte eine feinere Textur, die sich besonders gut für die Tinte und das Malen von Miniaturen eignete, was im Mittelalter und der frühen Neuzeit von besonderer Bedeutung war.

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Fachliteratur & Quellen

Joseph Jerom François de La Lande: Die Kunst Pergament zu machen (1763, Nachdruck)

Ein historischer Fachtext zur Herstellung von Pergament nach dem Stand des 18. Jahrhunderts. Der Band bietet eine kommentierte Übersetzung des ursprünglichen Werks, ergänzt durch Erläuterungen und editorische Hinweise. Der Nachdruck vermittelt detaillierte Einblicke in Materialien, Arbeitsschritte und handwerkliche Verfahren der Pergamentherstellung. Die beigefügten Tafeln veranschaulichen Werkzeuge und Prozesse.
Eine wertvolle Primärquelle zur Technikgeschichte, weniger praktisches Handbuch als dokumentiertes Wissen aus der historischen Praxis.
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Materialien & Rohstoffe

Echte Rohhaut

Rohhaut ist ein traditioneller Werkstoff für historische Handwerke und Rekonstruktionen, für Trommelfelle, Schilde, Pergamentarbeiten oder experimentelle Materialstudien.

Die naturbelassene Rohhaut wird ohne industrielle Veredelung verarbeitet und behält dadurch ihre typischen Eigenschaften wie hohe Festigkeit, Formbarkeit im feuchten Zustand und charakteristische Oberflächenstruktur. Da jedes Stück eine individuelle Naturform besitzt, ist es besonders interessant für handwerkliche und historische Arbeiten, bei denen authentische Materialien gefragt sind.
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  • (1862). "Die Fabrikation des Pergaments und der Darmsaiten, oder ausführliche, auf die neuesten Fortschritte gegründete Anweisung zur Bereitung sowohl des Schreib- und Malerpergaments" In: Weimar.
  • Schuller, Norbert (2005). "Pergament" In: Düppeler Lexikon. Link zur Quelle

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