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Quellenarchiv
Illustration zum Thema: Globenbau im 19. Jahrhundert: Technik und Materialien

Ein Blick in die Werkstatt eines Globenmachers von 1833

👤︎ Fabian Peise📅︎ 21.05.2026⏱ 24 Minuten Lesezeit

Das inszenierte Geheimnis

Es gibt Objekte, die scheinen vollkommen aus der Zeit gefallen zu sein. Und doch üben sie eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Obwohl heute jede Karte digital verfügbar ist, besitzt der klassische Erdglobus bis heute eine eigentümliche Faszination. Die Erdkugel als räumliches Objekt macht unseren Planeten begreifbar.
Der Bestseller „der Globenmacher“ von Peter Bellerby hat mich neugierig gemacht auf das Handwerk, das solche Kugeln herstellt. Peter Bellerby ist der Gründer der Londoner Manufaktur Bellerby & Co. Globemakers in London. Mit 150.000 Followern auf Instagram inszeniert die Werkstatt ein Handwerk, das heute fast verschwunden ist: Für den Messingguss gewann er Techniker aus dem Luxusautomobilbau, Holzbauteile stammen aus dem Bestand einer alten Tischlerei mit jahrzehntelang abgelagerten Bohlen. Die Kartenbilder werden von spezialisierten Aquarellisten koloriert, und selbst für die Beschriftung fand sich ein bekannter Font-Designer, der den Anspruch an ein modernes Luxusobjekt verstand, das fest im historischen Handwerk verankert ist.
Was Bellerby und seine Handwerker im Laufe der Jahre mühsam rekonstruiert haben, lässt sich nicht in einem Buch zusammenfassen, das räumt er selbst ein. Sein Buch ist ein Buch über Leidenschaft und Unternehmertum, keine Werkstattanleitung. Die technischen Details des eigentlichen Baus bleiben, dem Genre entsprechend, im Hintergrund. Die Konstruktion der Kugelkörper, die Zusammensetzung der Beschichtungen oder die historischen Klebetechniken werden nur angedeutet.
Wer verstehen möchte, wie ein Globus tatsächlich gebaut wird, muss daher weit tiefer in die historischen Quellen zurückgehen. Die historische Literatur behandelt meist die Geografie, Astronomie oder die mathematische Konstruktion der Kartenbilder. Die dafür nötige sphärische Geometrie und trigonometrische Berechnungen würden jedoch den Rahmen eines rein handwerklichen Werkstattberichtes sprengen.
Mich interessiert der eigentliche Bau des Globus selbst: die Herstellung der Kugel, ihre mechanische Präzision, das Kaschieren, also das Aufbringen des Kartenbildes auf die Kugel, und die abschließende Oberflächenbehandlung. Über diesen praktischen Teil existieren nur sehr wenige detaillierte Quellen.

Titelblatt: Joseph Jüttner 1833
Titelblatt einer handwerklichen Beschreibung zum Globenbau von 1833

Das Buch von Bellerby hatte mein erstes Interesse geweckt. Doch den Weg zu einer brauchbaren Quelle öffnete erst eine eBay-Auktion von einem antiquarischen Buch über das Thema. Den Zuschlag bekam ich nicht, aber ich kannte nun den Titel einer Veröffentlichung zum Globenbau von 1833! Und die weitere Recherche führte mich bald in den Sonderlesesaal Kartografie der Staatsbibliothek Berlin, genannt „Karthago". Dort gilt Bleistiftpflicht und Schweigegebot, und der Lesesaalaufseher entpuppte sich als Globenforscher. Er schloss mir Schränke auf, die sonst verschlossen bleiben.

die Kugel aus Pappmaché und Gips

Jahrhundertelang bestand der klassische Globuskörper aus Pappmaché mit einem Überzug aus Gips. Als Form diente meist eine halbkugelförmige Vertiefung aus Holz oder Metall. In diese wurde eine mehrere Zentimeter starke Schicht feuchten Pappmachés gepresst und vollständig trocknen gelassen. Zwei solcher Halbkugeln wurden anschließend miteinander verleimt und mit einer Gipsschicht überzogen, deren gebranntes Gipspulver mit tierischen Leimen wie Hasenleim angerührt wurde (Stuckmarmor, stucco lustro). Diese Oberfläche wird polierbar hart und ist nicht so kreidend wie eine normale Gipsschicht, die mit Wasser angerührt wurde.
Solche Konstruktionen waren vergleichsweise schwer und nur begrenzt belastbar. Größere Durchmesser führten schnell zu Spannungen im Material. Bei Erschütterungen neigten die Gipsschichten dazu, zu reißen, auszubrechen oder sich stellenweise vom Papierkern zu lösen.

ein Werkstattbericht von 1833

Gemälde von Joseph Jüttner
Joseph Jüttner und seine Frau 1824 (Gemälde von Ferdinand Georg Waldmüller)
Vor diesem Hintergrund wirkt das Verfahren des österreichischen Kartografen Joseph Jüttner bemerkenswert modern. In seiner 1833 erschienenen Anleitung zur Herstellung von Globen beschreibt er einen technisch hochentwickelten Verbundkörper aus geschichteten Papierlagen, elastischen Klebern und mineralischen Zuschlägen. Seine Methode steht am Übergang zwischen der individuellen Handarbeit und der industriellen Fertigung.
Die Quelle gehört zu den seltenen historischen Dokumenten, die nicht nur das fertige Objekt beschreiben, sondern die eigentliche Werkstattpraxis offenlegen. Er hatte als junger Soldat einen Schuss in den Kopf überlebt, und als Mathematiklehrer der Prager Artillerieschule, Vermessungsoffizier und späterer Generalmajor brachte er in seinen Globenbau dieselbe trigonometrische Strenge ein, die er im Gelände beim Vermessen der ganzen Stadt Prag angewendet hatte.
Der folgende Beitrag rekonstruiert diese Technik Schritt für Schritt und übersetzt die oft knappen Angaben der Vorlage in eine praktisch nachvollziehbare Arbeitsweise. Dass Joseph Jüttner als Offizier und Kartograf tätig war, verleiht seinen Beschreibungen eine beinahe militärische Präzision. Nach fast zwei Jahrhunderten lässt sich seine Methode damit nicht nur lesen, sondern erneut praktisch nachvollziehen.

Vom Druckbogen zur Sphäre

Druckbogen für einen Globus
Druckbogen für einen Globus
Vor uns liegt bereits das fertige Kartenbild als flacher Druckbogen auf dem Tisch: 12 oder 18 längliche Segmente, je nach Größe der Kugel, dazu zwei kleinere Kreise für die Polkappen. Jedes dieser Elemente muss sorgfältig ausgeschnitten werden. Auf den Segmenten sind nicht nur Länder und Städte verzeichnet, sondern auch das feine Netz der Breiten- und Längengrade, das sich später auf der Rundung der Kugel wieder zu geschlossenen Linien fügt.
Jetzt stellt sich die Frage: Wie verwandelt man diese flachen Papiersegmente in eine perfekte Sphäre?

ein Model aus Holz oder Ton

Holzmodel zum Globenbau
Holzmodel aus der Encyclopédie von Diderot. Der notwendige Absatz am unteren Rand ist hier nicht gut zu erkennen
Die Hohlkugel soll leicht werden, damit sie sich mühelos drehen lässt. Gleichzeitig muss sie formstabil und perfekt rund sein. Das ist umso schwieriger, je größer so eine Kugel wird.
Das Fundament von Jüttners Arbeit ist eine massive, aus Hartholz wie Birne oder Buche gedrehte Holzform, ein sogenanntes Model: eine Halbkugel, auf dem die Papierkugeln in Serie hergestellt werden. Die Halbkugel wurde vom Tischler nach dem Maß gefertigt, das der Druckbogen als Durchmesser vorsieht -nur einen Zentimeter kleiner für den Schichtaufbau. Der Holzstock hat an seinem Äquator eine ringförmige Stufe nach innen. Darauf wird nun das Papier kaschiert. Die Stufe bietet eine klare Führungskante zum späteren Abschneiden.

das Papierkreuz liegt auf dem Holzmodel
das Papierkreuz auf dem Holzmodel
Die Oberfläche des Holzes wird mit Seife abgerieben, damit das Papier nicht am Model haftet. Man nutzte feste, leicht angefeuchtete Seife. Das Ziel ist eine hauchdünne, trennende Schicht.
Zwei etwa 7 cm breite Papierstreifen werden gut gewässert und auf der Oberseite mit Papierkleber bestrichen. Anschließend legt man sie kreuzförmig auf das Holzmodel.

Papierstreifen werden kaschiert
die ersten Papierstreifen werden aufkaschiert. davon brauchen wir mehrere Lagen.
Weiteres Altpapier aus den Resten einer Schreibstube wird in eine Form geschnitten, die in etwa den Globusstreifen der Druckvorlage entspricht, aber frei Hand und nicht so akribisch genau. Sie werden so auf das Papierkreuz geklebt, dass die Spitzen der Segmente an der Halbkugelkante zusammenlaufen.
Die Papierstreifen werden nicht direkt auf die Holzkugel geklebt, sondern haften ausschließlich auf diesen vorbereiteten, eingekleisterten Streifen.
Davon machen wir mehrere Lagen. Ein Versetzen um 90° (oder 45°) ist zwingend erforderlich, auch wenn Jüttner es nicht erwähnt. Das ist das Prinzip des Sperrholzes: Die Fasern müssen in verschiedene Richtungen laufen, damit die Kugel beim Trocknen nicht eiert oder reißt. Nach jeweils 2 Lagen muss die Form komplett durchtrocknen, um Spannungen im Material zu vermeiden. (Mit dieser Maßnahme reagiert Jüttner auf ein Problem des damals verfügbaren Hadernpapiers: Es durchfeuchtet sehr schnell durch sämtliche Lagen. Mit modernem Papier entstehen diese Spannungen kaum, und man kann mehr Lagen feucht aufbringen). Mit 12 Lagen Schreibpapier ist eine Dicke von 3 mm erreicht.
Nach dem letzten Durchtrocknen wird die Papier-Halbkugel vom Model abgenommen. Durch die zuvor aufgetragene Seifenschicht auf der Holzoberfläche und die Tatsache, dass nur minimal Leim an die Trennfläche gelangt ist, löst sich die Halbkugel in der Regel problemlos.
Der überstehende Papierwulst, der über den Rand der Holzhalbkugel hinausgeht, kann bei Bedarf vorsichtig eingeschnitten werden, falls er das Abnehmen erschwert.
Auf der Innenseite können sich vereinzelt abstehende Papierlagen zeigen. Diese werden anschließend nochmals sorgfältig verleimt und fest angedrückt.

Papierwulst zeigt Abdruckkante
der Papierwulst zeigt eine klare Abdruckkante, so dass man ihn gezielt abschneiden kann
Auf diese Weise wird ein ganzer Vorrat an Halbkugeln vorbereitet. Der Rand, also der Äquator der Halbkugel, wird anschließend nochmals sehr sauber nachgeschnitten. Das erfordert eine feine Säge: für Messer oder Skalpell ist die Papierschicht zu dick. Der durch den Absatz des Holzmodells entstandene Abdruck dient dabei als Führungslinie und markiert den exakten Schnittverlauf.

Einkleben des Verbindungsstreifens
Einkleben des Verbindungsstreifens
Ein Streifen aus dickerer Pappe, etwa 2 cm breit und 1 bis 2 mm stark, wird in die erste Halbkugel eingeklebt. Er wird so positioniert, dass er zur Hälfte über den Rand hinausragt. Dieser Überstand dient als Verbindungselement zur zweiten Halbkugel.

Löcher für die Naht werden vorgestochen
mit Hammer und Ahle werden Löcher für die Naht vorgestochen
Der Streifen wird für zusätzliche Stabilität mit der Papierwand vernäht. Dafür werden die Nählöcher zuvor mit Hammer und Ahle vorgestochen. Gut geeignet ist eine sogenannte Sattlernaht: Dabei werden zwei separate Fäden verwendet, die in entgegengesetzter Richtung durch die Papierschichten geführt werden. Man kann die Fäden so fest anziehen, dass das Garn in die Papieroberfläche eindringt und somit nicht aufträgt.

die Suche nach der Achse

provisorischer Eisenmeridian zur Aufhängung des Rohlings
provisorischer Eisenmeridian zur Aufhängung des Rohlings (aus Diderots Encyclopédie)
die Kugel hängt im provisorischen Meridian
die Kugel hängt im provisorischen Meridian. Ein Strich markiert, in welcher Position die Halbkugeln zusammengesteckt sind
Die beiden Halbkugeln werden zunächst nur zusammengesteckt, noch ohne Klebung. Sobald sie sauber schließen, wird ihre genaue Lage mit einem Strich markiert, damit sich beide Hälften nach erneutem Auseinandernehmen wieder exakt in derselben Position zusammenfügen lassen. Dann beginnt die Bestimmung der Kugelachse. Da die Papierkugel noch keinerlei Markierungen besitzt, gibt es keine optische Orientierung. Die Ausrichtung muss daher rein mechanisch erfolgen.
Dabei ist ein Begriff wichtig, der in zwei Bedeutungen auftaucht: Meridian. Zum einen bezeichnet er die gedachte Linie auf der Erdoberfläche, also einen Längenkreis, der von Pol zu Pol verläuft. Zum anderen meint er den Messingring, der den späteren Globus wie ein tragender Rahmen umschließt und die Kugel in ihrer Achse aufnimmt.
Für diesen Arbeitsschritt dient ein sogenannter Eisenmeridian, also ein tragender Ring des Globus, als äußere Richtlehre. Es handelt sich dabei noch nicht um den späteren, kostbaren Messingring des fertigen Globus. Da der Papierkugel noch die spätere dünne Spachtelschicht fehlt, ist ihr Durchmesser geringer; der Eisenring ist entsprechend enger dimensioniert. Nur durch diesen knappen Abstand lassen sich kleinste Formabweichungen der Kugel präzise erkennen.
Ein Einstich in einen beliebigen Punkt der Trennlinie wird als erster Pol definiert. Die Naht der Halbkugeln wird somit als eine Meridianlinie gedacht. Vorteil: Der zweite Pol muss nicht irgendwo frei auf der Kugeloberfläche gesucht werden, sondern liegt zwangsläufig auf dieser Linie.
Die Kugel wird im Eisenring mit zwei vorläufig gesetzten Metallstiften fixiert, die ungefähr gegenüberliegende Punkte markieren. Beim Drehen zeigt sich, ob die Kugel frei im Ring läuft oder anstößt. Durch schrittweises Korrigieren der zweiten Einstichstelle wird die Lage so lange angepasst, bis die Kugel in jeder Position ohne Kontakt im Ring bleibt. Nun stehen die beiden Pole fest.

Einsetzen einer Achse aus Holz

aufgeschnittener Globus
aufgeschnittener Globus von 1877: Sichtbar wird die Konstruktion aus Papierlagen und die hölzerne Achse. Die Spachtelschicht ist hauchdünn. (Signatur: Kart A 7130. Aufnahme mit freundlicher Genehmigung der Staatsbibliothek zu Berlin)
Sobald die Pole markiert sind, wird der Korpus noch einmal geöffnet. Um der hohlen Form die nötige Stabilität für die spätere Nutzung zu geben, wird eine hölzerne Achse eingesetzt. Ihre Länge ist durch das Maß der Modellserie vorgegeben und bereits im Vorfeld exakt vorbereitet worden. Durch den markierten Pol der ersten Halbkugel wird ein Stift exakt in die Stirnseite der Holzachse eingeschlagen. Zusätzlich wird die Papierhalbkugel mit kleinen Nägeln direkt an der hölzernen Achse befestigt, um ein Verrutschen zu verhindern. Diese zentralen Achsenstifte ragen weit genug nach außen, um als Lagerbolzen für die Aufhängung im messingenen Meridian zu dienen.

die Perfektionierung der Form

Nachdem die Achse fixiert und die Hälften vereint sind, kaschiert Jüttner zunächst zwei weitere Lagen Papier über die gesamte Form. Dies versiegelt die Nahtstelle am Äquator und deckt die Nagelköpfe der Achsenfixierung an den Polen sicher ab. Das überkaschierte Papier wirkt hier wie eine Armierung über voraussehbaren Schwachstellen.
Da der Globus bereits auf seiner Achse rotiert, lässt sich jede Abweichung von der idealen Kugelgestalt präzise lokalisieren. Jüttner benutzt die Aufhängung im Meridian quasi als Drehbank. Er sucht nach möglichen Vertiefungen und füllt diese gezielt mit zusätzlichen Papierlagen auf. Dieser Ausgleich sorgt dafür, dass die Kugelform bereits aus dem reinen Fasermaterial heraus nahezu perfekt entsteht. Erst wenn dieser so verstärkte Korpus vollständig durchgetrocknet ist, bietet er den idealen, spannungsfreien Untergrund für die finale Beschichtung.
Obwohl der Korpus nun seine endgültige Stabilität und Geometrie besitzt, fehlen ihm für die Aufnahme des Kartenbildes noch die nötige Glätte und das exakte Endmaß. Um diese hauchfeine Differenz zum Soll-Durchmesser zu schließen, wird nun die Spachtelmasse angemischt, die als letzte, veredelnde Schicht die Oberfläche versiegelt.

Spachtelmasse

Da Jüttner in Serie produziert, mischt er eine Menge an, die für eine ganze Reihe von Rohlingen ausreicht. Die Herstellung der Spachtelmasse ist ein Prozess, der sowohl Präzision als auch rohe Körperkraft verlangt.
Die Konsistenz der Masse sollte streichbar eingestellt werden, wie schlickeriger Ton oder feuchtes Papiermaché. Wer je Schusterleim in der Werkstatt hatte, kennt seinen charakteristischen, brechreizerregend fauligen Geruch; er dürfte die Atmosphäre dominiert haben, während die Harze und das Terpentin einen angenehmen Gegenakzent setzten. Die Endschicht ist hauchdünn. Der aufgeschnittene Globus von 1877 im Bild oben macht das deutlich.

Zutaten:
  • 5 kg Töpferlehm oder Ton (die Basis)
  • 1,1 kg kleingeschnittenes, und einige Tage in einem Topf gekochtes Papier (Armierung / Faser)
  • 280 g Tischlerleim (Harter Kleber)
  • 1150 g gelöschter Kalk als Pulver (Chemischer Härter)
  • 300 g Roggenmehl (Elastischer Kleber)
  • 150 g Eierschalen (Kalk-Härter)
  • Das Eiweiß von 12 Eiern (Spannungsreduzierer)
  • 350 ml Liter Schusterleim (Elastischer Kleber)
trockene Komponenten
Zunächst werden der Töpferlehm und die Eierschalen getrennt voneinander im Mörser zu feinstem Staub gestoßen und gesiebt. Eine besondere Sorgfalt gilt dem Branntkalk ↗ : Er wird frisch gelöscht, jedoch nur mit so viel Wasser, dass er zu einem trockenen Pulver zerfällt und ebenfalls gesiebt werden kann. Erst nach der Reaktion wird die exakte Menge von 1150 g abgewogen. Diese mineralischen Komponenten werden mit dem Roggenmehl vermengt und im Mörser weiter verdichtet.
Papierfasern
Die größte Herausforderung stellt das gekochte Papier dar. Nachdem es kräftig ausgewrungen wurde, muss es unter beständigem Stampfen in die Masse eingearbeitet werden. Da sich die Fasern nur widerwillig mit den mineralischen Stoffen verbinden, ist hier Ausdauer gefragt, bis eine vollkommen gleichmäßige Mischung entsteht.
Zugabe der Flüssigkeit
Erst dann wird der in 700 ml Wasser aufgelöste Tischlerleim hinzugefügt und die Masse von Hand durchgearbeitet.
Schusterleim für Geschmeidigkeit
Den Abschluss bilden das Eiklar und der Schusterleim, die der Mischung ihre finale Geschmeidigkeit verleihen. Es handelt sich bei Schusterleim um einen mit Sauerteigwasser fermentierten Stärkekleister, zu seiner Zeit ein gängiges Handelsprodukt. Für die heutige Rekonstruktion lässt sich dieser Effekt am besten durch einen sehr dick eingekochten Roggenmehlkleister erzielen, dem man einen Schuss Essig (für den Säuregrad) beigibt. Er bildet das elastische Gegenstück zum harten mineralischen Kalk und dem tierischen Tischlerleim.
Aufbewahrung
Einmal fertiggestellt, bleibt die Masse unter einem feuchten Tuch über mehrere Tage verarbeitbar.
© Alle Rechte vorbehalten. Keine Vervielfältigung ohne Genehmigung.

der Aufstrich und die Formgebung

Um den exakten Solldurchmesser zu erreichen, spannt Jüttner die Papierkugel erneut in den eisernen Werkstatt-Meridian. Ein Stativ hält eine präzise gefertigte Schablone im gewünschten Kreisradius fest an der Kugeloberfläche. Nun wird die Masse von Hand aufgetragen und die Kugel gleichmäßig rotiert. Die Schablone wirkt dabei wie ein Abstreifer: Sie nimmt überschüssiges Material ab und hinterlässt eine geometrisch perfekte Sphäre. Sobald der Korpus lückenlos bedeckt ist, wird er an einer Schnur aufgehängt, um ohne Druckstellen vollständig auszuhärten.
Sollten nach der Trocknung trotz aller Sorgfalt noch Dellen oder kleine Unebenheiten sichtbar sein, werden diese mit etwas Spachtelmasse nachgearbeitet, bis die Form makellos ist.

das Schleifen der Oberfläche

Da die ausgehärtete Masse eine enorme Härte entwickelt, schleift Jüttner den Globus im feuchten Zustand. Sektionsweise wird die Oberfläche mit Wasser benetzt und mit dem Bimsstein abgerieben. Das Wasser dient als Gleitmittel und weicht die oberste Schicht gerade so weit auf, dass der Bimsstein eine vollkommen glatte Fläche erzeugen kann.
Hierbei ist jedoch Vorsicht geboten: Die Feuchtigkeit darf niemals bis in den Papierkern vordringen. Würde das Papier unter der Schale aufquellen, würde man an dieser Stelle unweigerlich zu viel Material abtragen. Nach dem Trocknen bliebe eine neue Vertiefung zurück: ein Rückschlag, der mühsame Korrekturen nach sich zöge.

die geometrische Prüfung

Der letzte Zirkelschlag
Der letzte Zirkelschlag sollte eigentlich exakt auf den Beginn treffen. Hier wurde ungenau gearbeitet
Bevor die Kugel ihre endgültige Glätte erhält, unterzieht Jüttner sie einer geometrischen Kontrolle. Mithilfe der Gradeinteilung am Meridian wird ein präziser Bleistift-Äquator gezogen. Nun folgt die Stunde der Wahrheit: Mit einem Zirkel, der auf die Breite eines Kartensegments (etwa 20° oder 30°) eingestellt ist, wird der Äquator abgeschritten.
Exakt 18 bzw. 12 Mal muss die Zirkelspitze einstechen, bis der Kreis geschlossen ist. Geht die Rechnung nicht auf, ist der Durchmesser der Kugel ungenau. Erst wenn diese mathematische Probe bestanden ist, folgt der Feinschliff.

die finale Politur

Für die letzte Glättung kommt ein spezielles Bimsstück zum Einsatz, das an einer Seite eine Hohlform aufweist, die exakt dem Radius des Globus entspricht. Dieses Werkzeug wirkt wie eine Schleiflehre und beseitigt die letzten mikroskopischen Unebenheiten.
Nach einer längeren Abbindezeit erreicht die Masse eine solche Beständigkeit, dass sie im trockenen Zustand kaum noch zu bearbeiten ist. Jüttner betont hier ausdrücklich den Vorteil seiner komplexen Mischung gegenüber gewöhnlichem Gips: Während ein Gipsglobus spröde und zerbrechlich wäre, bleibt sein Verbundwerkstoff zäh, schlagfest und über Jahrhunderte formstabil.

die Fertigung des Meridians

Detail der Achsenaufhängung
Detail der Achsenaufhängung: Links ein als Messinstrument nutzbarer Globus mit der Weltachse auf Meridianebene. Rechts ein reiner Deko-Globus
Der Meridianring, gegossen aus massivem Messing, wird nun zum Präzisionsinstrument veredelt. Eine der Seitenflächen dient als Skala: Sie wird in vier Quadranten zu je 90° unterteilt und mit feinen Gravuren in 10°- oder 5°-Schritten versehen.
An den Scheitelpunkten des Rings (den Polen) wird jeweils eine halbkreisförmige Vertiefung ausgefeilt. Die Achszapfen der Kugel senken sich genau bis zu ihrer Mitte in diese Lager ein. Gesichert wird die Konstruktion durch eine passgenaue Lagerplatte, die über den Zapfen auf den Ring geschraubt wird. Damit ist die Kugel fest fixiert, bleibt aber leichtgängig rotierbar.

Der Meridian: geometrisches Ideal und mechanische Einpassung

Ein präzises Messinstrument benötigt einen eindeutig definierten Bezugspunkt. Doch der geografische Meridian ist nur eine gedachte Linie ohne Ausdehnung. Und der physische Messingring besitzt eine materielle Breite.
Darum folgt der Instrumentenbau einer klaren Logik: Maßgeblich für alle Berechnungen ist ausschließlich die gravierte Seitenfläche des Ringes. Nur diese exakt festgelegte Kante dient als geometrische Bezugsebene, um Messabweichungen durch die Materialstärke zu vermeiden.

Einschnitte im Horizont zur Führung des Meridians
Die beiden Einschnitte im Horizont zur Führung des Meridians liegen nicht genau 180° gegenüber. Genau gegenüber liegen nur die gravierten Seiten des Messingmeridians. Deshalb sitzt der Ring absichtlich etwas versetzt im Horizont, seine Materialstärke liegt jeweils nur auf einer Seite. A) ist also falsch, B) ist korrekt
Diese theoretische Notwendigkeit bestimmt die praktische Einpassung in das Gestell. Sobald die mechanische Einheit aus Kugel und Meridian vollendet ist, wird sie in den hölzernen Horizontring eingesetzt. Um die mathematische Präzision zu wahren, werden die zwei gegenüberliegenden Ausschnitte im Holz so gearbeitet, dass sie nicht die Mitte des Messingrings, sondern die gravierte Kante exakt auf der Mittelachse führen. Dadurch sitzt der Ring leicht exzentrisch versetzt in seinen Aussparungen.

Dreipunktlagerung

Unterkonstruktion eines Globus
Unterkonstruktion eines antiken Globus: Der Meridian aus Messing wird in dem hölzernen Ring des Horizonts und dem unteren Zapfen gehalten
Stabilität erhält diese Konstruktion durch eine Dreipunktlagerung: Neben den Horizont-Ausschnitten stützt ein zentraler Zapfen am tiefsten Punkt des Gestells den Meridian. Diese Führung erlaubt es, den schweren Ring sicher in der Vertikalen zu halten und dennoch stufenlos zu neigen, um jeden beliebigen Breitengrad unter den Scheitelpunkt des Instruments zu bringen.

der Stundenkreis (Circulus Horarius)

Stundenkreis eines historischen Globus
Stundenkreis des Globus von Giulio und Livio Sanuto aus dem Jahr 1575. (Aufnahme mit freundlicher Genehmigung der Staatsbibliothek Berlin SBPK)
Damit der Globus über die rein geografische Verortung hinaus als Zeitrechenmaschine fungieren kann, wird am Nordpol der Stundenkreis installiert. Dieses Bauteil bildet die Brücke zwischen der Erdrotation und der astronomischen Zeitmessung.
Der Stundenkreis besteht aus einem flachen Ring aus Messing, der konzentrisch um den Achszapfen des Nordpols gelagert wird. Dazu verfügt der Ring an seiner Unterseite über eine Halterung: Zwei gabelartige Füße umgreifen den Messingmeridian und werden dort verschraubt. Während der Ring unbeweglich mit dem Meridianrahmen verbunden ist, bleibt der zentrale Zeiger, oft als stilisierte Hand oder Pfeil gearbeitet, frei auf dem Achsstift drehbar. Die Oberfläche des Ringes ist durch feine Gravuren in 24 Stunden unterteilt, wobei die Ziffer XII (Mittag) auf der Ebene des Meridians liegt.
Wie der Stundenkreis zur Bestimmung von Sonnenaufgang, Tageslänge oder Sternzeit genutzt wird, gehört zur Bedienung des Instruments: das ist Stoff für einen eigenen Artikel.

das Netz aufziehen

Die Vorzeichnung

Bevor die gedruckten Kartenbilder auf die Kugel kommen, muss ein präzises geometrisches Netz die Oberfläche gliedern. Jüttner nutzt hierfür die Mechanik des Instruments selbst: Der im Horizont eingerichtete Messingmeridian dient als Lineal.
Zunächst wird die Kugel einmal vollständig um ihre Achse rotiert, während der Bleistift exakt bei 0° am Meridian anliegt: so entsteht der Äquator. Dieser Kreis wird nun mit dem Zirkel wieder in 12 oder 18 exakt gleiche Sektoren geteilt, je nachdem, welches Format die Druckvorlage vorgibt. Um die vertikalen Trennlinien der Segmente zu erhalten, dreht man jeden dieser Markierungspunkte unter den Meridian und zieht die Linie von Pol zu Pol.
Ebenso wie der Äquator bei 0°, werden die Wendekreise bei 23° 28' sowie die Polarkreise bei 66° 32' angerissen. Zur besseren Orientierung beim späteren Aufkleben der Karten folgen zudem die Breitengrade bei 10°, 30°, 50° und 80°. Dieses feinmaschige Netz garantiert, dass die Papiersegmente später ihre exakte Position auf der Sphäre finden.

das Kaschieren der Segmente

Der Prozess beginnt an den Polen. Jüttner entnimmt die Kugel aus ihrem Meridian und widmet sich zunächst den Polkappen. Das Papier wird gewässert und mit dem damals üblichen Papierkleber bestrichen: Stärke, die in Leimwasser aufgekocht wurde. Ein reiner Stärkekleister ist oft sehr nässend und hat wenig Eigenfestigkeit, während er trocknet. Durch den Leimanteil wird das Gemisch zupackender. Es behält die Gleitfähigkeit für Korrekturen bei, fixiert das Papier aber sofort, sobald es fest angerieben wird.
Da der unverarbeitete Kleber nach einigen Tagen seine Bindekraft verliert und flüssig wird, muss er stets recht frisch verarbeitet werden.
Mit einem Falzbein wird die Polkappe vorsichtig angedrückt. Um das empfindliche Druckbild nicht zu verletzen, arbeitet Jüttner nie direkt auf der Grafik; er legt stets ein Schutzpapier unter, bevor er mit dem Falzbein Druck ausübt. Ziel ist eine vollkommen glatte, faltenfreie Verbindung, bei der die gedruckten Linien exakt mit dem zuvor gezeichneten Netz auf der Kugel verschmelzen.

Das Papier in Jüttners Zeit

Das Papier jener Zeit unterscheidet sich grundlegend von modernen Industriepapieren. Dies gilt sowohl für handgeschöpftes Papier als auch für die bereits auf Langsiebmaschinen gefertigten Sorten des frühen 19. Jahrhunderts. Aufgrund der noch vergleichsweise langsamen Produktionsgeschwindigkeiten und der gleichmäßigeren Verfilzung der Fasern wiesen diese Papiere keine stark ausgeprägte Laufrichtung auf.
Zwar reagierte auch dieses Papier auf Feuchtigkeit mit Quellung und auf Trocknung mit Schrumpfung, jedoch geschah dies weitgehend isotrop, also gleichmäßig in alle Richtungen. Moderne Industriepapiere hingegen besitzen durch den schnellen Maschinenlauf einen deutlich ausgeprägten „Strich“, eine bevorzugte Faserrichtung, entlang derer sich Dehnung und Schrumpfung unterschiedlich stark ausprägen (anisotropes Verhalten). Gerade beim Aufziehen von Globussegmenten führt dies zu Problemen, da sich ein nass exakt positioniertes Segment beim Trocknen verziehen und dabei sichtbare Fugen zur Nachbarbahn öffnen kann.
Ein weiterer wesentlicher Unterschied liegt im Rohstoff. In Jüttners Zeit bestand das gebräuchliche Schreib- und Druckpapier überwiegend aus Hadern, also zerfaserten Textilien aus Leinen und Baumwolle. Dieses sogenannte Lumpenpapier war langfaserig, zäh und gegenüber wiederholtem Anfeuchten vergleichsweise stabil.
Moderne „Hadernpapiere“ sind nicht immer vergleichbar. Sie werden häufig mit Zellstoff verschnitten. Bereits ab einem Textilfaseranteil von etwa 50 Prozent dürfen sie im Handel als Hadernpapiere bezeichnet werden, während bei noch geringeren Anteilen meist von hadernhaltigen Papieren gesprochen wird.
Ich habe das Kaschieren mit historischem Material selbst erprobt. Ein praktischer Versuch mit einem makulierten Buch aus der Zeit um 1820 ergab ein aufschlussreiches Bild. Das Papier hatte in den zwei Jahrhunderten seinen ursprünglichen Oberflächenleim verloren, und verhielt sich daher beim Kaschieren wie ungeleimtes Papier: Es ließ sich einfach nicht schichtweise verleimen. Frisch geleimtes Hadernpapier, wie es Jüttner verwendete, dürfte sich in dieser Hinsicht wesentlich günstiger verhalten haben. In Bezug auf die Formstabilität zeigte das Material dennoch charakteristische Eigenschaften: Das angefeuchtete Papier widersetzte sich lokalen Verformungen merklich und ließ sich zwar mit dem Falzbein gut glätten, ein wirklich faltenfreies Anlegen an eine Kugeloberfläche erforderte jedoch erhebliches Geschick. Diese Eigenschaft dürfte auch für frisches Hadernpapier gegolten haben und verdeutlicht, weshalb das Aufziehen von Globussegmenten als eigenständige handwerkliche Kunstfertigkeit galt.

Aufkaschieren der Kartensegmente

Die langen Kartensegmente liegen derweil in der richtigen Reihenfolge mit der Bildseite nach unten bereit. Sie werden mit einem Schwamm gewässert, bis sie vollständig gesättigt sind. Dies ist entscheidend, da das Papier im feuchten Zustand seine maximale Dehnbarkeit erreicht.
Der Kleister wird doppelt aufgetragen: zuerst auf das Papierstück, dann auf die entsprechende Zone der Kugel. Nun wird das Segment aufgesetzt. Dank der Vorzeichnungen lässt sich sofort erkennen, ob das Stück millimetergenau sitzt. Sollte es zu Abweichungen kommen, nutzt Jüttner die Plastizität des nassen Papiers: Mit dem Falzbein wird das Segment so lange sanft gestrichen und in Form massiert, bis alle Linien – Äquator, Wendekreise und Längengrade – perfekt ineinandergreifen.
Sobald die gesamte Sphäre geschlossen ist, folgt die Reinigung. Mit einem sauberen Schwamm werden Leimreste vorsichtig von der Grafik abgewaschen, solange sie noch frisch sind.

Fertigstellung

Illuminierung von Sphäre und Horizont

Sind die Papierauflagen aufgeklebt, folgt die sogenannte Illuminierung des gesamten Objekts, also die farbliche Ausgestaltung.
Um eine visuelle Einheitlichkeit über die gesamte Sphäre zu gewährleisten, müssen die Farbmischungen, etwa verschiedene Abstufungen von Blau für die Ozeane, vorab in ausreichendem Umfang vorbereitet werden. Mit diesen vorbereiteten Mischungen werden Küstenlinien, Ländergrenzen und die Skalen des Horizonts koloriert.

die Versiegelung (Gummierung)

Um die empfindliche Aquarellfarbe und das Papier vor Berührung und Feuchtigkeit zu schützen, wird eine schützende Schicht aufgetragen. Jüttner nutzt hierfür eine Lösung aus weißem Gummi arabicum in Wasser.
Beim ersten Auftrag ist Präzision und Schnelligkeit gefragt: Der Pinsel darf jede Stelle nur ein Mal berühren. Da die Farben wasserlöslich sind, würden sie sich bei mehrmaligem Überstreichen sofort anlösen und unschön verwischen. Moderne Aquarellfarben oder Tinten reagieren noch empfindlicher auf Feuchtigkeit als die historischen Pigmente. Erst wenn die erste Schicht getrocknet ist und die Pigmente wie unter einem Schutzfilm eingeschlossen sind, folgt eine zweite Lage. Nun kann entspannter gearbeitet werden. Statt Gummi arabicum wird auch Gummitragant empfohlen, das ist ein Pflanzengummi aus den Wurzeln von Astragalus-Sträuchern. Es ist zäher als Gummi arabicum und bildet einen stabilen, aber flexiblen Film, der weniger zum Reißen neigt. Eine weitere Alternative ist Pergamentwasser (Glutinleim): ein sehr reiner, heller Hautleim, der durch das Auskochen von Pergamentresten gewonnen wird. Er ist nach dem Trocknen fast glasklar und bildet eine harte Oberfläche. Und letztlich noch Eiklar (Albumin-Lasur): Eine klassische Methode, um Grafiken einen seidigen Glanz zu verleihen und sie unempfindlich gegen Fingerabdrücke zu machen.

Politur der Gummierung

Die Elfenbeinkugel von Joseph Jüttner
Die Elfenbeinkugel ist für Joseph Jüttner das, was ein Achat für die Vergolder ist: das ideale Werkzeug zum Polieren
Bevor der eigentliche Lack aufgetragen wird, erfährt die Gummierung eine mechanische Veredelung. Jüttner nutzt hierfür ein selbstgefertigtes Werkzeug: eine Elfenbeinkugel an einem Stab. Diese Technik gleicht dem Polieren mit einem Achat bei den Vergoldern. Um die Oberfläche nicht zu verletzen, wird segmentweise Seidenpapier aufgelegt und mit der Elfenbeinkugel darüber gerieben. Der Druck verdichtet die Gummischicht, schließt die Poren des Papiers und erzeugt eine spiegelglatte, seidig glänzende Basis für den transparenten Schutzlack (Firnis).

Firnis: Das gläserne Finish

Der Firnis wird im warmen Zustand verarbeitet, um einen optimalen Verlauf zu garantieren. Dabei tritt die Bedeutung der vorherigen Gummierung zutage: Sie dient als Barriere. Ist eine Stelle nicht perfekt gummiert, wird der Firnis in die Papierfasern eindringen und irreversible Flecken hinterlassen.
Jüttner empfiehlt drei bis vier Lagen Firnis aufzutragen. Die Werkstatt sollte dabei warm sein, denn in kalter Umgebung stockt der Lack; er hinterlässt Pinselstreifen.

Rezept für den Schutzlack

Jüttner gibt uns zwei Rezepte an die Hand, die beide auf Sandarak basieren. Einem harten, hellen Baumharz, das für seine Brillanz und Widerstandsfähigkeit bekannt ist. Ich habe die historischen Maßangaben seiner Rezepte in moderne Maße umgerechnet. Seine Angabe „rektifizierter Weingeist“ gebe ich mit Ethanol wieder: 90% oder 96%, unvergällt und pharmazeutisch rein. Das entspricht am genauesten dem Stoff, den Jüttner zur verfügung hatte.

Zutaten:
  • 350 g Ethanol
  • 40 g Sandarak
  • 17,5 g venezianischer Terpentin
  • 17,5 g Terpentinöl oder -geist
  • 4,4 g Kampfer
Der Sandarak wird zunächst möglichst fein zu Pulver vermahlen und anschließend in den Ethanol gegeben. Je feiner das Harz zerstoßen ist, desto schneller löst es sich, da sich durch die größere Oberfläche mehr Material mit dem Alkohol verbinden kann. Im Idealfall besitzt das Pulver die Konsistenz von Puderzucker.
Die Mischung wird wiederholt geschüttelt und umgerührt, bis sich der Sandarak weitgehend gelöst hat.
Anschließend wird der venezianische Terpentin zugesetzt und erneut gut durchmischt.
Danach folgen Terpentinöl und Kampfer. Die Flüssigkeit sollte die Flasche nur zu etwa drei Vierteln füllen. Verschlossen wird sie lediglich mit einem locker sitzenden Korken. Ethanol dehnt sich bei Wärme deutlich aus; ein vollständig dichter Verschluss könnte deshalb gefährlichen Druck aufbauen und die Flasche beschädigen.
Nun bleibt die Mischung acht bis zehn Tage stehen. Während dieser Zeit setzen sich unlösliche Bestandteile am Boden ab. Die klare Flüssigkeit wird anschließend vorsichtig vom Bodensatz getrennt. Damit ist der Firnis gebrauchsfertig.
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alternatives Rezept für den Schutzlack

Eine zweite Rezeptur betreibt einen erheblich größeren technischen Aufwand, doch Glanz, Transparenz und Haltbarkeit des Überzugs dürften außergewöhnlich gewesen sein. Das Verfahren entspricht dem, was man heute als Rückflusskochen bezeichnet.
Sandarak und Mastix sind harte Naturharze, die dem Lack Glanz, Transparenz und Oberflächenhärte verleihen. Venezianischer Terpentin beziehungsweise Kanadabalsam wirken als weichere Harzkomponenten. Sie verleihen dem Film Elastizität. Kanadabalsam aus der Balsamtanne besitzt eine außergewöhnlich hohe Transparenz. Ethanol dient als schnell flüchtiges Lösungsmittel. Kampfer besitzt konservierende Eigenschaften. Terpentingeist verbessert die Streichfähigkeit und verzögert die Trocknung gerade so weit, dass der Lack sauber verlaufen kann.
Im 19. Jahrhundert war die Retorte ein übliches Laborgerät. Ihr langer, gebogener Hals wirkt bereits wie ein einfacher Luftkühler: Der verdampfende Alkohol steigt auf, kühlt im Hals wieder ab, kondensiert und fließt zurück in den Bauch der Retorte.
Heute würde man dafür eher einen Rundkolben mit einem wassergekühlten Liebigkühler verwenden. Das Prinzip bleibt jedoch dasselbe. Der Alkohol bleibt im System, während die erhöhte Temperatur die Harze wesentlich intensiver aufschließt, als dies bei einer kalten Lösung möglich wäre.

Zutaten:
  • 1120 g Ethanol
  • 210 g Sandarak
  • 70 g Mastix
  • 70 g Kanadabalsam oder venezianischer Terpentin
  • 100 g Terpentingeist
Eine gläserne Retorte liegt in einem heißen Sandbad. Der Sand verteilt die Wärme gleichmäßig und verhindert lokale Überhitzungen, durch die das Glas springen könnte.
Zunächst werden Sandarak, Mastix und Ethanol in die Retorte gegeben. Die Harze quellen an und lösen sich teilweise.
Anschließend werden die übrigen Bestandteile erwärmt und hinzugefügt. Die Mischung bleibt ein bis zwei Stunden heiß und wird danach durch ein Tuch filtriert.
Anschließend füllt man den Firnis in Flaschen ab.
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eine Warnung aus heutiger Perspektive

Das Verfahren ist nicht ungefährlich. Entweicht Ethanol-Dampf aus der Retorte, entsteht schnell eine hochentzündliche Atmosphäre. Ein offenes Feuer oder Funkenflug im Raum könnten katastrophale Folgen haben.
Hinzu kommt die Gefahr des sogenannten Siedeverzugs. Harzlösungen neigen dazu, plötzlich schlagartig aufzukochen und Material aus dem Gefäß zu schleudern. Deshalb sind Siedesteinchen zur kontrollierten Blasenbildung unverzichtbar.

der Feind des antiken Globus: Staub

Nachdem der Globus fertiggestellt ist, muss er stets von einem Tuch bedeckt werden, solange er nicht benutzt wird. Denn wenn sich Staub auf die Oberfläche setzt, zieht er Wasser aus der Luft an. Diese punktuelle Feuchtigkeit löst den Lack minimal an, und der Staub verbackt mit der Oberfläche. Ein Globus, der einmal so verschmutzt ist, lässt sich nie wieder in seinen Originalzustand versetzen, ohne die wertvolle Firnisschicht zu zerstören.

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  • Jüttner, Joseph (1833). "Theoretische und praktische Anleitung zur Verzeichnung der Netze für Erd-, Himmels- und Ringkugeln, zur Erzeugung der Kugeln, zum Aufziehen der Netze auf dieselben und gänzlichen Vollendung der Globen" In: Selbstverlag.
  • Anonym (1768). "Unterrichtende Briefe von denen Einwohnern der Planeten, Verfertigung und Verbesserung derer Erd- und Himmelskugeln" In: Königsberg (teilw. Abgedruckt in: der Globusfreund 24/1977, S. 3-20).
  • Bellerby, Peter (2024). "Der Globenmacher und wie das Bild unserer Welt entstand. Die faszinierende Geschichte eines alten Handwerks" In: Rowohlt Berlin.
  • d’Alembert, Jean Le Rond (1757). "Globe" In: In: Denis Diderot: Encyclopédie, ou, Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, Band 7 (1757); Abbildungen in Tafelband 5 (1767).

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