das Problem: Kein Bild zur Hand
Wer über praktische Arbeit schreibt, stößt irgendwann an eine einfache Grenze.
Ein Werkzeug oder ein Ablauf lässt sich in Worten beschreiben, aber der Leser muss sich alles selbst zusammensetzen. Das kostet Kraft, und genau diese Kraft soll der Text eigentlich sparen. Illustrationen entlasten den Leser, weil das „Bild im Kopf“ bereits vorhanden ist.
Doch in der Praxis beginnt dann die Suche nach dem passenden Bild, und sie endet selten zufriedenstellend.
Fotos aus dem Netz sind meist nicht frei nutzbar.
Eigene Aufnahmen scheitern oft an der Situation selbst, das Licht stimmt nicht, der Moment ist nur zu einer bestimmten Jahreszeit reproduzierbar, oder es fehlt schlicht eine helfende Hand.
Also bleibt der digitale Weg. Ein Bildgenerator liefert auf Knopfdruck eine Szene, die zunächst überzeugend wirkt. Doch je genauer man hinsieht, desto mehr stört etwas. Ein Werkzeug sitzt falsch, eine Handhaltung ist unlogisch, ein Detail wirkt zufällig richtig, ohne wirklich verstanden worden zu sein. Das Bild sieht fertig aus, aber es erklärt nichts.

Zeichnen ist kein Talent, sondern ein Handwerk
Wenn ich Zeichnungen für meine Texte brauche, fange ich nicht mit einer fertigen Idee an. Ich fange mit dem Text an und mit einer einfachen Frage: Was muss hier wirklich sichtbar werden?
Viele glauben, sie könnten nicht zeichnen. Das stimmt so nicht. Niemand kann auf Anhieb einen schönen Korb flechten. Aber wenn jemand dabeisteht und jeden Schritt erklärt, kann man es sofort nachahmen. Richtig schön wird erst der zwanzigste Korb, wegen der Übung. Das ist normal, Zeichnen funktioniert genauso.
Für erklärende Zeichnungen kommt etwas Entscheidendes hinzu. Sie müssen nicht im künstlerischen Sinne beeindrucken, sie müssen als Beschreibung funktionieren. Es geht um Klarheit. Das verändert den Blick auf das Ganze.
vor dem ersten Strich braucht es eine Vorlage
Bevor ich den Stift ansetze, kläre ich für mich, wie ich an das Bild herangehe. Es gibt Zeichner, die brauchen keine Vorlage. Mir fällt dazu eine alte Anekdote ein:

Dann beginne ich zu zeichnen.
ich arbeite wie in einer Werkstatt
Wenn ich eine Szene zeichne, lege ich zuerst die Situation fest. Wo steht die Figur, wohin richtet sich die Bewegung, was ist der entscheidende Moment.
Nehmen wir ein Beispiel: In meinem Artikel über die
Ernte der Birkenrinde ↗
gibt es eine Beschreibung, wie man einzelne Schnitte setzt, und wie die Borke dann abspringt. So eine Szene ist nicht alltäglich, und der Leser benötigt ein Bild, um die Konzentration auf den Text zu entspannen. Ein Mann hantiert mit aller Kraft an einem Stamm. Man erkennt weder sein Werkzeug, noch lassen sich die Schnitte in der Borke wirklich erkennen. Der Bildaufbau ist zwar authentisch, aber er erklärt nichts.

ein Foto zeigt alles, eine Zeichnung zeigt das Richtige
Ein Foto hält alles fest, was vor der Kamera liegt. Lichtreflexe, Hintergrundgeschehen, Zufälligkeiten. Alles steht nebeneinander, ohne Gewichtung.
Für eine Anleitung ist das ein Problem. Das Entscheidende verschwindet im Nebensächlichen.
Meine Aufgabe ist es, alles wegzulassen, was nicht zur Erklärung beiträgt. Und zu verstärken, worauf es ankommt.
Der Mann steht in meiner Zeichnung nicht direkt an der Birke. Ich setze ihn leicht daneben, damit der Blick frei bleibt für das, was passiert. Die Handlung soll nicht verdeckt werden.
Auch das Messer verändere ich. Es ist viel länger als es in der Realität sein müsste. Nicht, weil es so stimmt, sondern weil es gelesen werden soll. Eine kurze Klinge würde in dieser Darstellung untergehen. So entsteht eine einfache Beziehung zwischen den Elementen: Mann, Messer, Rinde. Zusammen ergeben sie den Schnitt.
Die entscheidenden Schnittlinien auf der Borke ziehe ich stärker nach. Dort liegt die Bewegung, die Gewicht bekommen soll.
Eine solche Zeichnung kopiert die Szene nicht. Sie ordnet sie so, dass eine Handlung lesbar wird. Das Bild ist nun keine Dekoration mehr, sondern eine zweite Erzählschicht neben dem Text. 
das Ergebnis überprüfen
Bevor ich weiterarbeite, halte ich kurz inne und schaue mir die Zeichnung an.

Dann schaue ich auf die Haltung der Figur. Der Mann steht in meiner Zeichnung zu weit vom Baum entfernt. Das liegt an dem langen Messer, das ich ihm gegeben habe. So wirkt die Bewegung nicht mehr glaubhaft. Wer Rinde hebelt, braucht einen festen Stand, das Gewicht muss hinter dem Werkzeug liegen. Hier müsste ich die Figur näher heranschieben.
Zum Schluss prüfe ich die räumliche Wirkung. Der Baumstamm wirkt nur dann plastisch, wenn die Rundung stimmt. In der Theorie laufen parallele Linien auf gemeinsame Punkte zu, die sogenannten Fluchtpunkte. In der freien Natur sucht man solche Linien vergebens. Trotzdem gibt es eine gedachte Horizontlinie: sie kennzeichnet die Augenhöhe des Betrachters. Ihre Wirkung zeigt sich in den Schraffuren an der Rundung des Baumstamms: Oberhalb der Horizontlinie biegen sie sich nach oben, unterhalb nach unten.
so habe ich die Zeichnung korrigiert

Den angedeuteten Wald im Hintergrund lasse ich weg. Er trägt nichts zur Erklärung bei.
Das Messer wird kürzer, bleibt aber deutlich erkennbar.
Die wichtigen Linien ziehe ich mit einer noch breiteren Stiftspitze nach. Ich arbeite dabei mit einfachen Pigmentlinern in verschiedenen Stärken. Als Papier genügt mir glattes Druckerpapier.
Mehr ist für eine solche Zeichnung nicht nötig.
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